Architektur: Unterschied zwischen Barock & Neobarock?

Unterschied zwischen Barock & Neobarock

Barock und Neobarock sind unterschiedliche Stilepochen: Die Zeit des Barock gehört zum 17. Jahrhundert, während der Neobarock ins 19. Jahrhundert einzuordnen ist. Genau genommen ist der Neobarock Teil einer weiter gefassten Stilrichtung, die das 19. Jahrhundert insgesamt dominiert, des Historismus.

Wie Neogotik und Neorenaissance ist der Neobarock keine Phase originärer Stilerfindungen. Vielmehr gewinnt der Neobarock im Rückgriff auf den Barock gewisse Stilelemente, die er “modern” adaptiert und unter Verwendung stilistischer Eigenheiten des 19. Jahrhunderts zu einer neuen Richtung verwandelt.

Der Barock – Begriffsentstehung

Der Barock kommt aus dem Süden Europas. Die ersten barocken Bauten entstanden in Italien. In Portugal wurde die Bezeichnung geprägt: Mit dem portugiesischen Wort “barocco” bezeichnete man “schiefe” unregelmäßige Perlen und der Begriff findet sich auch im Italienischen. In Frankreich entstand das Wort “baroque” für etwas, das man im Deutschen als “schräg, unregelmäßig” bezeichnen würde.

Merkmale der Epoche

Mit dem Barock verbindet man vieles, aber nicht schiefe Unregelmäßigkeit. Ebenso üppig wie karg, überbordend wie auch zurückhaltend sind seine Formen. Er kann Pomp wie auch formale Strenge in einem aufweisen, wird also durchaus durch Gegensätze gekennzeichnet. In der Barockzeit verschmelzen die Einflüsse des Christentums und der Antike zu einer Bild- und Symbolsprache.

Die Architektur steht ganz im Dienst des Absolutismus, einer Herrschaftsform, die den europäischen Flickenteppich aus unzähligen Territorien bei seiner Verschmelzung zu größeren politischen Einheiten begleitet. Das absolutistische Frankreich, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation unter den Habsburgern, das Reich der Osmanen, das Königreich Polen, das Königreich Schweden und vor allem das riesige russische Zarenreich waren die Mächte in Kontinentaleuropa.

Reformation, Gegenreformation, Dreißigjähriger Krieg und Westfälischer Frieden die großen Etappen des Jahrhunderts. Zentralistisch regierte Monarchien, die Kirche und ständisch gegliederte Gesellschaften bilden das soziale und politische Gefüge.

Die Bauaufgaben des Barock

Kirchen, Schlösser, Paläste und Plätze sind deswegen die Bauaufgaben des Barock. Repräsentative Formen kommen der theatralischen Selbstdarstellung der Herrschenden entgegen. Die typische Barockkirche nach dem Vorbild von Il Gesù von Giacomo Barozzi da Vignola ist mit der Verschmelzung der bis dahin additiv gestalteten Gebäudeteile Langhaus, Seitenschiffe mit Emporen, Vierung und Chor nun ein beinahe einziger Raum geworden, oft von einer Kuppel überfangen.

Daraus entsteht die antik inspirierte Form des Zentralbaus (von Francesco Borromini: San Carlo alle Quattre Fontane, Rom), aber auch die Kreuzung aus Basilika und Zentralbau in der “größten Kirche der Christenheit”, dem Neubau des Petersdoms in Rom mit wechselnden Baumeistern (Michelangelo, Carlo Maderno, Gianlorenzo Bernini u.a.). Schlösser mit symmetrischen Grundrissen, weit ausgreifenden Seitenflügeln und ausgedehnten Parkanlagen (Versailles bei Paris) und streng formale Stadtgrundrisse – sogenannte Planstädte – in Form eines Kreises (Karlsruhe) oder eines Schachbretts (Mannheim) bilden den Anspruch der Zeit auf absolute Beherrschung des Territoriums ab.

Antike Vorbilder

Mit der Kolossalordnung der Säulen zitiert die barocke Architektur die Antike – wie sie am Kolosseum in Rom zu sehen war – und speist sich aus den Architekturtraktaten der Renaissance und des Manierismus. Zugleich sind eine vibrierende und überbordende Lust an der Übertreibung, dem Pomp und der Theatralik typisch für das Barock.

Illusionistische Malerei findet sich nicht selten an den gewölbten Decken der Kirchen und Paläste (Würzburger Residenz, Treppenhaus). Vor- und zurückschwingende Fassaden (Sant’Agnese in Piazza Navona in Rom) oder Emporen sind ebenso typisch wie die Kostbarkeit des Materials (Gold und Marmor oder nur vorgetäuscht in Stuck und Gips), strahlende Lichteffekte, Kristallglanz oder Lüster und leuchtende Farben.

Der Neobarock

Jede Richtung des “Neo” hat das Problem, dass sie sich einerseits auf eine Vorbild-Stilrichtung bezieht, andererseits als originäre Leistung erkennbar sein möchte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden, ist der Neobarock daher einerseits an der Übernahme barocker Schmuckformen und Zierelemente und andererseits an einer weiteren Zunahme der Übertreibung zu erkennen.

Auch in der Zeit des Neobarock zeigt sich theatralischer Pomp, werden noch mehr Schmuckelemente kombiniert und übereinander gestaffelt, in übersteigertem Maßstab, aber ohne maßlos zu werden. Repräsentation und Zurschaustellung sind der Zweck: In den Dimensionen (Fenster, Fassaden, Treppen, Säulen, Baldachine) oft in größerem Maßstab ausgeführt als barocke Vorbilder, sind die Bauten des Neobarock nicht zufällig oft Theater- oder Operngebäude (Opéra Garnier in Paris), Banken, Museen, Schlösser, Kanzleien, Bahnhöfe – vielfach staatliche Bauten mit einer opulenten Formen- und Symbolsprache, aber auch Kirchen und Brunnen. In der Zeit des Neobarock entstehen Bauten, die allein schon wegen ihrer Größe Superlative erreichen (Justizpalast in Brüssel, Széchenyi-Heilbad in Budapest).

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