Beispiel-Interpretation der Kurzgeschichte „Das Brot“

Die Kahlschlag-Geschichte spielt sich in der Nachkriegszeit ab. Dabei behandelt diese die Situation einer Frau, welche nicht gut von ihrem Mann behandelt wird und zeigt, wie diese schweigend mit diesem Verhalten umgeht.

Gezeigt wird an dieser Handlung und an dieser Situation nicht nur die Mentalität der Nachkriegszeit, sondern wirft auch Fragen auf, welche für die heutige Zeit sehr interessant und moralisch äußerst spannend und wichtig sind.

Der Inhalt

Eine Frau wacht mitten in der Nacht von einem Geräusch auf. Sie hört, wie jemand einen Stuhl in der Küche umstößt. Sie merkt, dass ihr Mann nicht neben ihr liegt und sieht selbst in der Küche nach. Dort trifft sie auf ihren Mann, welcher behauptet aufgestanden zu sein, weil er etwas gehört hat.
Die Frau merkt jedoch schnell, dass der Mann Brot gegessen hat, an welchen es ihnen mangelt. Das kann sie an dem Messer und den Krümeln neben dem Brotteller erkennen.
Sie sieht ihren Mann, da sie es nicht ertragen kann, von diesem nach 39 Jahren Ehe angelogen zu werden, nicht an, während sie sagt auch etwa gehört zu haben, jedoch denkt, dass es nur die Dachrinne gewesen sei.
Für beide ist der Moment sehr peinlich und schrecklich und sie erschienen sich gegenseitig älter, als sonst.

Im Bett hört die Frau anschließend, wie ihr Mann vorsichtig das Brot kaut.
Am Tag danach schämt sich der Mann, als die Frau ihn eine von ihren Brotscheiben reicht, was diese daran merkt, dass er auch über seine Teller beugt und sie hat Mitleid mit ihm.

Die Interpretation

Die Geschichte besteht aus drei Teilen. Dabei findet der erste auf dem Weg in der Küche, der zweite in der Küche und der dritte am nächsten Tag statt.
In seinem Raum und in seiner Zeit ist die Geschichte, wie ein klassisches Drama auch, eng umgrenzt.
So gibt es nur zwei Personen, einen Zeitraum von weniger als 27 und zwei Räume – die Küche und das Schlafzimmer.

Die Erzähltechnik

Gebildet wird die Geschichte aus kurzen und einfachen Sätzen.
Auch Wiederholungen und unvollständige Sätze kommen zu Hauf in der Geschichte vor.
Was den Wortschatz betrifft, so gleicht dieser dem eines Grundschülers und der Dialog ist, zum großen Teil, umgangssprachlich.

Dieser Wortschatz, gepaart mit den häufigen Wiederholungen, sorgt dafür, dass der peinliche Eindruck der Situation bei dem Leser verstärkt wird. Auch die Kahlheit der Situation wird dadurch verstärkt, dass weder das Aussehen der Hauptpersonen, noch deren Namen genannt werden.

Die auktoriale Perspektive

Die Tatsache, dass der Autor immer wieder zwischen den Gedanken der beiden Personen hin und her springt, wird als auktoriale Perspektive bezeichnet.
Obwohl es sich bei der Geschichte um eine Kurzgeschichte handelt, ist die auktoriale Perspektive, nicht der Blickwinkel, welcher für eine Kurzgeschichte, in der Regel, verwendet wird. Vorbild für den Autor sind hierbei Erzählungen deutscher oder russischer Tradition.
Es wird eine Geschichte aus dem Alltag erzählt und er Autor legt keinen Wert auf Überraschungen oder Pointen.
Das Geschehnis hingegen ist nicht banal, sondern die Realität Deutschlands in der Nachkriegszeit.

Die psychologische Ebene

Als psychologische Geschichte, wird die Betonung durch den Autor Borchert auf die Küche gesetzt. Dort ertappt die Frau den Mann auf frischer Tat und lässt sich dies nicht anmerken. Der Mann merkt oder vermutet, dass die Frau etwas bemerkt hat, lügt trotzdem und verschlimmert die Situation dadurch nur noch mehr.
Folge dessen ist, dass die Frau denkt, der Mann hätte sich diesen Diebstahl bereits beim Abendessen ausgedacht und geplant. Sie denkt, er hätte nur gewartet, dass sie schläft, um essen zu können.

Dass sie nicht über den Verrat spricht heißt nicht, dass sie unfähig ist darüber zu sprechen. Es heißt auch nicht, dass sie den Konflikt nur vermeidet, weil sie ökonomisch von ihrem Mann abhängig ist, ihn liebt oder Angst vor ihm hat. Was genau ihre Motivation ist wird in der Geschichte nicht ersichtlich. Es lässt jedoch in die Nachkriegszeit, in welcher die eihenen Gefühle nicht ausgedrückt wurden, da dies verpönt war.
Das liegt an der Tatsache, dass die Nazirethorik die Menschen dazu gebracht hat Konflikte zu vermeiden und unter den Teppich zu kehren.

Heute würde man das Verhalten der Frau als konfliktscheu betrachten, Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre war diese Verhalten jedoch ein Teil der Mentalität und des vorbildlichen Verhaltens der Frau zu dieser Zeit.

Die sozialökonomische Ebene

Der Mann lügt aus der materiellen Not heraus seine Frau an. Der Autor selbst heißt diese Lüge nicht gut und legt die Sympathiepunkte somit auf die Seite der Frau.
In der heutigen Zeit wäre das Verhalten des Mannes als Mundraub zu werten.
Der Autor stellt die sozialökonomische Situation in der Nachkriegszeit in Deutschland dar, wozu der Konflikt der beiden Hauptpersonen beiträgt.

Die moralische Ebene

Moralisch und ethisch gesehen ist die beschriebene Situation ein Verrat des Mannes an seiner Frau.
Er schleicht sich heimlich in die Küche und lügt sie an, als er von dieser erwischt wird.
Hätte er seine Frau nach etwas mehr Brot tragen können, und dies womöglich auch bekommen. Dies verdeutlicht ihm die Frau am nächsten Morgen, als sie ihm eine ihrer Scheiben überlässt. Dadurch verstärkt sie jedoch gleichzeitig auch die Schuldgefühle des Mannes.

Allgemein ist die Reaktion der Frau, welche ihren Mann nicht zur Rede stellt, eine Reaktion auf ein Unrecht.

Sie straft ihn, gewollt oder ungewollt, mit christlichen Mitteln, ganz nach dem Motto auch die andere Wange hinzuhalten, wenn man eine Ohrfeige bekommt.
Das Brot, welches sie ihm am nächsten Morgen überlässt ist also eher eine Peitsche, da sie ihn dadurch wortlos straft.

Dabei spricht keiner der beiden Beteiligten über das Unrecht, welches ihnen verfährt, über die Gedanken oder die Gefühle.

Das Schweigen ist äußerst charakteristisch für die Nachkriegszeit, in welcher die Menschen das Unrecht, welches ihnen durch den Nationalsozialismus widerfahren ist, zu verdrängen versuchten.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here