Dear Esther im Review

Vor wenigen Tagen hat das unabhängige Studio Thechineseroom das Spiel Dear Esther für den PC veröffentlicht. Das ungewöhnliche Game beschreitet neue Pfade und wagt Experimente in Sachen Gameplay und Storytelling.

Seit über 20 Jahren spiele ich Video- und Computerspiele. Seit fünf Jahren schreibe ich auch aktiv darüber und bisher ist es mir nie schwergefallen, ein Spiel einzuschätzen. Man schaut es sich einige Stunden an, gewinnt einen Eindruck und beginnt mit dem Tippen. Ein kurzer Abriss über den Hersteller, über das Gameplay, über die technische Seite und vielleicht noch eine Empfehlung, für welche Gruppe von Spielern es geeignet ist. Bisher haben mir nie die Worte gefehlt. Doch Dear Esther gelang es, was vorher noch kein anderes Game geschafft hat, und machte mich zum ersten Mal sprachlos.

 Das Spielprinzip von Dear Esther

Es ist schwer in Worte zu fassen, was ich beim spielen von Dear Esther empfunden habe. Beim ersten Start gibt es keine Erklärung, keinen Kontext, in dem dieses Spiel zu verstehen ist. Ich befinde mich auf einem Steg, ein kleines Bootshaus am Ufer einer Insel. Alles wirkt leer, verlassen und verwittert. Ich bin allein. Dies waren meine ersten Eindrücke, als ich das Spiel begann. Auffällig ist der gerade zu aufdringliche Mangel an Standardfunktionen. Ich laufe langsam, kann nicht sprinten und auch springen ist unmöglich. Ich versuche, einen Gegenstand aufzuheben, doch auch das bleibt mir verwehrt. Ich kann nichts tun, außer mich auf dieser einsamen Insel umzusehen.

Ich beginne mich darüber zu wundern, was das alles eigentlich soll, als ich plötzlich die Stimme eines Erzählers vernehme. In Briefform, adressiert an eine unbekannte Esther, beginnt er damit, die Geschichte der Insel zu erzählen. Immer nur wenige, aus dem Zusammenhang gerissene Zeilen. Je weiter ich vordringe, desto mehr Textfragmente bekomme ich präsentiert. Und schließlich beginne ich zu begreifen, was das Spiel tut. Dear Esther erzählt eine Geschichte. Unterstrichen durch visuelle Eindrücke, beginnt der Spieler immer mehr zu verstehen, worum es sich bei dieser Insel handelt, was sich dort zugetragen hat. Es ist wie ein Bilderbuch, in dem man sich langsam vorwärts bewegt, Schritt für Schritt. Eine neue, ungewohnte Form des Erzählens.

Ist Dear Esther überhaupt ein Spiel? Sicher. Aber es ist genauso ein Experiment. Der Mut dazu, etwas Neues zu tun. Es ist ein Spiel zum entspannen, zum zurücklehnen. Ein Spiel, das man nicht gewinnt oder durchspielt, sondern das man erlebt. Auch wenn man das Ende der Insel bereits nach einer Stunde Spielzeit erreicht hat, wird man nur schwer die Tragweite der ganzen Geschichte verstanden haben. Denn die eingespielten Textpassagen sind zufällig gewählt, so dass das Game einen hohen Wiederspielwert hat. Jeder Durchgang bringt neue Erkenntnisse und wirft gleichzeitig neue Fragen auf.

 Dear Esther – die Technik

Grafisch ist Dear Esther ein Meisterwerk. Ich habe selten ein so gut aussehendes Spiel auf dem PC erlebt – und das bei relativ geringen Hardwareanforderungen. Der Trick daran ist einfach: durch die völlige Abwesenheit von NPCs, KI oder großartigen Animationen, kann die gesamte Leistung des Rechners zur Darstellung der dreidimensionalen Welt verwendet werden. Und das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen. Denn egal wohin ich schaue, jede Perspektive wirkt wie ein Gemälde, das man sich guten Gewissens im Wohnzimmer an die Wand hängen könnte. Kleine Schönheitsfehler, etwa zweidimensionale Pflanzen, fallen kaum auf und stören das Gesamtbild nicht. Die Geräuschkulisse mit gelegentlichen Musikeinspielungen weiß ebenfalls zu überzeugen.

 Dear Esther – der Hintergrund

Ursprünglich war Dear Esther eine Mod für Half Life 2, die 2008 erschien und von Mitarbeitern der Universität Portsmouth in England entwickelt worden. Die Modifikation kam bei den Spielern gut an und war sogar Gewinner eines Preises auf dem Independent Game Festival. Nun hat man das Spiel neu aufgelegt und mit zeitgemäßer Grafik und Soundeffekten versehen.

 Fazit:

Leider kann ich Dear Esther nicht jedem uneingeschränkt ans Herz legen. Wenn ihr gerne experimentiert und neuen Ideen offen gegenübersteht, dann ist es sicher einen Blick wert. Wer jedoch ein Spiel im herkömmlichen Sinne erwartet, der wird eher enttäuscht sein. Sehr gute Englischkenntnisse sind aufgrund der nicht eingedeutschten Texte außerdem ratsam.

 

  • Titel: Dear Esther
  • Entwickler: thechineseroom
  • Preis: 8 Euro
  • Plattform: PC (Steam)
  • Sprache: Englisch
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