Farbperspektive & Luftperspektive: was ist der Unterschied?

Farbperspektive & Luftperspektive

Figuren darstellen zu können beinhaltet bereits die Vorstellung von Volumen. Die dritte Dimension, also Räumlichkeit zu gestalten ist so alt wie die Menschheit. Mit welcher Auffassung aber schildert der Mensch den ihn umgebenden Raum? Welche Möglichkeiten der Darstellung von Perspektive hat er im Laufe der Jahrtausende entwickelt?

Vorformen perspektivischer Darstellung

Im Mittelalter gingen die Techniken räumlicher Darstellung, wie sie die Antike bereits kannte, verloren oder wichen, besser gesagt, einer anderen Vorstellung von der Welt – eine Welt, die für die Menschen des Mittelalters immer in Diesseits und göttliche Sphäre geteilt war, und die besonders in der religiösen Malerei das Hineinwirken des Göttlichen in die Gegenwart zum Gegenstand hatte. So enthält der Goldglanz des Mittelalters – als Goldfassung auf Skulpturen oder als Goldgrund der Tafelmalerei –, aber auch das tiefe Blau des Lapislazuli oder das leuchtende Rot für die Kleidung der Gottesmutter sowohl einen Verweis auf die Schönheit Gottes wie auch auf sein zukünftiges Reich.

Die Erkenntnis diesseitiger Gesetze trat dabei zwar nicht in den Hintergrund (herausragende Wissenschaftler gibt es auch im Mittelalter), sie war aber nicht in gleichem Maße wie das Lob Gottes Gegenstand der Kunst. Insofern spricht man im Mittelalter, obwohl es beispielsweise in der Malerei Giottos schon architektonische Versatzstücke einer perspektivischen Architektur gibt, noch von Bedeutungsperspektive: Bedeutende Figuren sind groß, weniger bedeutende klein.

Wissenschaftlich konstruiert – die kristalline, klare Zentralperspektive

Erst in der Renaissance mit ihrem an der Antike orientierten Interesse wurde die Zentralperspektive für die Malerei entdeckt und entwickelt. Die Pala Montefeltro (zwischen 1466 und 1474) des in der Toskana geborenen Piero della Francesca ist zwar ein Altarbild, also ein religiöses, wahrscheinlich für das Mausoleum oder die Grabkapelle des Auftraggebers Federico da Montefeltro entstandenes Bild mit der Mutter Gottes und umstehenden Heiligen.

Gleichwohl demonstriert Piero della Francesco ganz diesseitige Dinge, nämlich die mathematisch-wissenschaftliche Beherrschung der Zentralperspektive. Die räumliche Umgebung der Heiligen ist eine vollkommen diesseitige Architektur, wie man sie in Italien jener Jahre finden konnte – an der antiken Baukunst orientiert, mit kassettiertem Tonnengewölbe, einer Nische, Pilastern und Gesimse.

Das Licht ist nicht mehr der Goldglanz des Mittelalters, sondern helles Tageslicht, das die Heiligen wie die Mittagssonne beleuchtet und deren Gestalten sogar Schlagschatten werfen. Die Figuren, obwohl Maria die umstehenden Heiligen an Bedeutung überragt, sind gleich groß. Man nennt das Isokephalie, ein griechisches Wort, das besagt, dass sich alle Köpfe (grch. kephalos = Kopf) auf einer Höhe befinden.

Dunst zieht auf – die Luftperspektive Leonardo da Vincis

Leonardo da Vinci war nicht nur ein großer Künstler, sondern auch ein begnadeter Wissenschaftler. Neben seinen vielen Entdeckungen schreibt man ihm auch die Erfindung des sfumato zu. Sein großes Meisterwerk, die Mona Lisa (Louvre, Paris) wird beispielsweise gerade für ihre im Gesicht ausgeprägt sanften Übergänge von Licht und Schatten gerühmt. Leonardo erzielte diese Wirkung, wie man inzwischen mithilfe von Infrarot-Reflektografie herausgefunden hat, durch eine sehr hohe Anzahl von Lasurschichten.

Ähnlich erzeugte Leonardo auch seine landschaftlichen Hintergründe, die ebenso naturnah und überzeugend wirken, denn sie werden verschwommener und blasser, je weiter weg sie sich vom Vordergrund befinden. Leonardo hatte seit den 1490er-Jahren wissenschaftliche Studien zur Optik durchgeführt. Ihm war aufgefallen, dass das Erscheinungsbild eines Gegenstandes von der Atmosphäre seiner Umgebung abhing:

natürliches Licht wie Sonneneinstrahlung, künstliche Lichtquellen, Feuchtigkeit in der Luft. Seine Erkenntnisse publizierte er in seinem Libro de pittura. Für seine Hintergründe, oftmals Landschaften, bedeutete dies, dass er Entfernteres verschwommener malte als die Dinge, die in der Nähe seines Standpunktes aufgefasst waren.

Heiß vor kalt, blass hinter kräftig – die Farbperspektive

Wie Farben wirken, hängt mit physikalischen Gesetzen bei der Wahrnehmung von Farbe im menschlichen Auge zusammen. Auch hier leistete Leonardo da Vinci mit seinen Untersuchungen schon ein wenig Vorarbeit. Rot und andere Farben mit einer „warmen“ Wirkung wie Gelb und Orange stehen dem Betrachter vermeintlich näher, es sind Farben des Vordergrunds.

„Kältere“ Farben wie Blau, Grün und Violett treten in den Hintergrund. Für die abstrakte Malerei spielen diese Verhältnisse der Farben zueinander eine große Rolle, denn sie können bei der Gestaltung der räumlichen Verhältnisse in einem abstrakten Bild in der Komposition entsprechend genutzt werden. Die Physik von Farben wurde erst im 19. Jahrhundert näher erforscht. Wesentlich trug dazu der französische Michel Eugène Chevreul, der 1839 eine Farbenlehre publizierte, die großen Einfluss auf viele Maler und Stilrichtungen hatte.

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