Gedichtanalyse „Das Karussell“ von Rainer Maria Rilke

Gedichtanalyse Das Karussell von Rainer Maria Rilke

Das Gedicht „Das Karussell“ von Rainer Maria Rilke, einem der bedeutendsten Lyriker der deutschen Literatur, entführt den Leser in eine Welt der Kindheitserinnerungen und der Nostalgie. Geschrieben im Jahr 1906, zeichnet es ein lebhaftes Bild eines sich drehenden Karussells, das mit seinen bunten Figuren und fröhlichen Kindern eine Atmosphäre der Unschuld und Freude schafft. Doch hinter dieser scheinbaren Einfachheit verbirgt sich eine tiefere Bedeutung, die das Wesen der Kindheit und die vergängliche Natur des Lebens thematisiert.

In „Das Karussell“ verwendet Rilke das Bild des Karussells nicht nur als bloße Darstellung eines Kinderspiels, sondern auch als Symbol für den Kreislauf des Lebens und die unaufhaltsame Zeit. Das ständige Drehen des Karussells erinnert an die sich ständig verändernde Natur des Lebens, an das Auf und Ab von Freuden und Sorgen. Gleichzeitig weckt das Gedicht bei vielen Erwachsenen eine tiefe Sehnsucht nach der verlorenen Kindheit, einer Zeit, die oft als unschuldig und sorglos wahrgenommen wird. Rilke gelingt es meisterhaft, diese Gefühle der Nostalgie und Melancholie in Worte zu fassen und den Leser zum Nachdenken über die eigene Vergangenheit und die unvermeidliche Zukunft anzuregen.

Das Gedicht

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber –

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel…

Formale Aspekte des Gedichts

Aufbau und Gliederung des Gedichts

„Das Karussell“ präsentiert sich in einer einzigartigen Struktur, die aus sieben unterschiedlich langen Abschnitten besteht. Diese Abschnitte variieren in ihrer Länge, wobei die erste Strophe acht Verse umfasst, während die zweite und dritte Strophe jeweils aus drei Versen bestehen. Es folgen ein Einzeiler in der vierten Strophe, vier Verse in der fünften, ein weiterer Einzeiler in der sechsten und schließlich sieben Verse in der abschließenden siebten Strophe. Diese ungewöhnliche Gliederung trägt zur Dynamik des Gedichts bei und spiegelt das unvorhersehbare und ständig wechselnde Wesen der Kindheit wider.

Reimschema

Das Reimschema von „Das Karussell“ ist ebenso faszinierend wie seine Struktur. Es beginnt mit einem relativ einfachen Schema in der ersten Strophe (abbabccb), wird jedoch in den folgenden Strophen komplexer und unvorhersehbarer. Die zweite (ded) und dritte Strophe (fbf) weisen jeweils drei Verse auf, wobei der mittlere Vers von zwei sich reimenden Versen umgeben ist. Nach einem Einzeiler in der vierten Strophe folgt in der fünften ein umarmender Reim (effe). Das Gedicht endet mit einem Reimschema von ghghggh in der siebten Strophe. Diese Vielfalt und Unregelmäßigkeit im Reimschema könnte als Abbild der Unberechenbarkeit und Einzigartigkeit der Kindheit interpretiert werden.

Binnenreime

Rilke nutzt Binnenreime, um bestimmte Verse im Gedicht hervorzuheben. Beispiele hierfür sind „dann und wann“ in Vers 8 und „blendet und verschwendet“ in Vers 26. Diese Binnenreime dienen nicht nur der Klangschönheit, sondern betonen auch die Bedeutung der jeweiligen Verse und verstärken ihre Wirkung auf den Leser. Sie tragen zur Gesamtkomposition des Gedichts bei und verleihen ihm eine zusätzliche Tiefe und Resonanz.

Inhaltliche Analyse

Darstellung des Karussells

Das zentrale Motiv des Gedichts ist das sich drehende Karussell, das mit seinen lebhaften und farbenfrohen Figuren den Leser sofort in seinen Bann zieht. Rilke beschreibt eine Vielzahl von Figuren – von bunten Pferden über einen roten Löwen bis hin zu einem weißen Elefanten. Diese Figuren sind nicht nur einfache Dekorationen des Karussells, sondern tragen eine tiefere Symbolik in sich. Sie repräsentieren die Vielfalt und Unschuld der Kindheit und die Fantasiewelt, in der Kinder leben. Besonders auffällig ist die wiederholte Erwähnung des weißen Elefanten, der in seiner Seltenheit und Einzigartigkeit die Besonderheit und Kostbarkeit der Kindheit symbolisiert.

Symbolik des Karussells

Das Karussell dient nicht nur als Darstellung eines Kinderspiels, sondern auch als Metapher für das Leben selbst. Das ständige Drehen des Karussells, das Auf und Ab der Figuren, spiegelt den Lebenszyklus wider – Geburt, Wachstum, Alter und Tod. Es erinnert uns daran, dass das Leben, genau wie eine Karussellfahrt, vergänglich ist und dass wir jeden Moment schätzen sollten. Die kreisende Bewegung des Karussells kann auch als Symbol für die Wiederholung und den Zyklus der Zeit gesehen werden, in dem sich Geschichte und Erinnerungen ständig wiederholen.

Die Rolle der Kinder

Die Kinder, die auf dem Karussell reiten, sind von zentraler Bedeutung im Gedicht. Sie repräsentieren die Unschuld, Freude und Neugier der Kindheit. Rilke beschreibt sie als mutig und furchtlos, sei es das kleine blaue Mädchen, das auf einem Hirsch reitet, oder der Junge, der mutig auf einem Löwen sitzt. Ihre Darstellung steht im Kontrast zur oft komplizierten und problematischen Welt der Erwachsenen. Durch ihre Augen erlebt der Leser die Wunder und Magie des Karussells und wird an die eigene Kindheit und die damit verbundenen Emotionen erinnert.

Interpretation

Das Reimschema als Spiegelbild der Kindheit

Rilkes Entscheidung für ein unregelmäßiges Reimschema in „Das Karussell“ ist nicht zufällig. Es spiegelt die Unvorhersehbarkeit und Spontaneität der Kindheit wider. Genau wie die Kindheit keinen festen Ablauf oder ein vorherbestimmtes Schema hat, folgt auch das Reimschema des Gedichts keiner festen Regel. Dies könnte als Hinweis darauf gedeutet werden, dass die Kindheit ein individueller und einzigartiger Prozess ist, der von vielen Faktoren beeinflusst wird und sich ständig verändert.

Sehnsucht nach der verlorenen Kindheit

Eines der zentralen Themen des Gedichts ist die Sehnsucht nach der verlorenen Kindheit. Während das Karussell und die darauf reitenden Kinder die Freude und Unschuld der Kindheit darstellen, erinnert es die Erwachsenen auch an das, was sie verloren haben. Die wiederholte Darstellung des sich drehenden Karussells könnte als Metapher für die unaufhaltsame Zeit und den Verlust der Kindheit gesehen werden. Rilke betont die Vergänglichkeit dieser Momente und die Melancholie, die oft mit dem Erwachsenwerden einhergeht.

Binnenreime als Verstärkung

Die Verwendung von Binnenreimen im Gedicht dient nicht nur ästhetischen Zwecken, sondern hat auch eine tiefere Bedeutung. Durch die Betonung bestimmter Worte und Phrasen, wie „dann und wann“ und „blendet und verschwendet“, lenkt Rilke die Aufmerksamkeit des Lesers auf Schlüsselkonzepte und -themen des Gedichts. Diese Binnenreime verstärken die Wirkung bestimmter Verse und tragen zur Gesamtbotschaft des Gedichts bei. Sie erinnern den Leser an die flüchtige Natur der Kindheit und die Wichtigkeit, jeden Moment zu schätzen.

Schluss

Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse aus der Analyse

Rainer Maria Rilkes „Das Karussell“ ist nicht nur ein einfaches Gedicht über ein sich drehendes Karussell und die darauf reitenden Kinder. Es ist eine tiefgründige Reflexion über die Vergänglichkeit der Kindheit, den unaufhaltsamen Lauf der Zeit und die Sehnsucht der Erwachsenen nach vergangenen Tagen. Durch seine meisterhafte Verwendung von Symbolik, Reimschema und Binnenreimen schafft Rilke ein Werk, das den Leser sowohl emotional berührt als auch zum Nachdenken anregt.

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