Gedichtinterpretation: „Ehepaar“ von Bernd Jaeger

In dem Gedicht “Ehepaar” von Bernd Jäger geht es um zwei Menschen, die sich gegenseitig im Herzen tragen. Die Wörter “Käfig” und “Glastresor” weisen daraufhin, dass es sich um eine nicht gesunde Liebe handeln kann.

Das Wort “Käfig” ist in seiner Bedeutung und Wertung im Allgemeinen negativ belastet. Ein Käfig bedeutet Gefangenschaft. Der Gefangene hat in der Regel nicht selbst den Schlüssel, sondern der Käfighalter.

In dem Gedicht “Ehepaar” ist sie eindeutig eine Gefangene seines Herzens, zu dem nicht sie, sondern er den Schlüssel besitzt. Sie ist in der Lage durch die Gitterstäbe des Käfigs in die Freiheit zu sehen, aber sie kann die Freiheit nicht außerhalb seines Herzens leben.

Da jeder Mensch eine individuelle Freiheit besitzt, zu der er sich bewusst entscheiden kann, liegt hier eine Gefangenschaft vor, in die sie sich freiwillig begeben hat. Es ist möglich, dass auch eine mentale Abhängigkeit eine Rolle spielen könnte, aus der sie sich nicht selbst befreien kann.

Er dagegen befindet sich in ihrem Herzen zwar auch in einem visuell gedachten räumlich geschlossenen Objekt – einem Tresor aus Glas. Und auch er kann in die Freiheit sehen. Der wesentliche Unterschied zu ihr besteht jedoch darin, dass er seinen Tresor verlassen kann, denn er kennt den Code. In seiner Liebe zu ihr hat er sich die Möglichkeit die Liebe zu verlassen offen gelassen.

Ein Tresor ist im Gegensatz zu einem Käfig in seiner wertenden Bedeutung nicht negativ belastet. Ein Tresor bedeutet keine Gefangenschaft, sondern dieser wird im Allgemeinen mit einem Schutzgedanken verbunden. In einem Tresor werden sehr wertvolle Gegenstände gelegt und verschlossen.

Die Tatsache, dass er sowohl den Schlüssel zu ihrem Käfig besitzt als auch den Code zu seinem Glastresor zeigt, dass er Macht besitzt.

In der Liebe geht es immer auch um die Macht der Liebe, die bei diesen zwei Menschen, um die es geht, nicht gleich verteilt ist.

Darauf weisen auch die jeweiligen Körperpositionen hin. Sie liegt und er steht. Wer am Boden liegt, der ist geschwächt und entkräftet. Wer am Boden liegt, kann sich schlechter oder überhaupt nicht wehren. Wer dagegen steht, kann gehen wohin er will.

Er hat sich in der Liebe seine Autonomie bewahrt und duldet den Tresor um sich, solange er die Liebe als Liebe mit ihr empfinden kann. Sie dagegen hat ihre Autonomie aufgegeben und ihm den Schlüssel zu ihrem Käfig überlassen.

Das Gedicht ist als “Ehepaar” tituliert. Es handelt sich hier also um ein Ehepaar, dass sich durch den Verbund der Ehe zwar verbunden sieht, aber diese Verbundenheit beruht nicht auf einer Bewahrung von individueller gegenseitiger Unabhängigkeit.

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