Lokalfarbe & Erscheinungsfarbe – was ist der Unterschied?

Lokalfarbe & Erscheinungsfarbe - was ist der Unterschied

Wenn Sie diese Frage stellen, sind Sie offenbar an Malerei interessiert oder selbst auf diesem Gebiet der bildenden Kunst tätig, denn der Unterschied zwischen Lokalfarbe und Erscheinungsfarbe betrifft im Wesentlichen die Funktionen von Farben in der Kunstmalerei.

Zur Lokalfarbe:

Stellen Sie sich vor, Sie wollen ein Bild malen, auf dem eine Tomate zu sehen ist. Sie positionieren also eine Tomate so, dass sie von einem natürlichen mittelhellen Tageslicht beleuchtet wird. Ihre Staffelei mit der Leinwand stellen Sie so auf, dass Sie dort möglichst dieselben Lichtverhältnisse haben. Dann wählen Sie aus Ihrem Farbenkasten eine Farbe, die dem Rot einer Tomate am ähnlichsten ist (oder Sie mischen sie sich an) – nennen wir es Tomatenrot. Sie malen nun auf Ihre Leinwand eine Form, die einer Tomate möglichst nahe kommt und füllen sie mit dem Tomatenrot komplett aus. Und stopp! An diesem Punkt haben Sie die Lokalfarbe Ihrer Tomate dargestellt.

Die Lokalfarbe, auch Gegenstandsfarbe oder Eigenfarbe genannt, ist die einem Gegenstand eigene Grund-Farbe, wie sie ohne Beeinflussung durch Lichtreflexe zu sehen ist und ohne die Hell-Dunkel-Abstufungen, die perspektivische bzw. plastische Effekte erzielen (sollen).
Theoretischere Ansätze bei der Definition der Lokalfarbe oder des Lokaltons sprechen auch davon, dass diese einzelne, eigene Grundfarbe eines Gegenstandes sichtbar wird, wenn rein weißes Umgebungslicht verwendet wird.

Beispiele für Malerei, die sich hauptsächlich am Lokalton der dargestellten Objekte orientiert, findet man zum Beispiel in der Kunst Mittelalters (wie der Romanik und Gotik), in der Malerei der Renaissance, des Barock, des Klassizismus, der Romantik und des Realismus.

Zur Erscheinungsfarbe:

Sie möchten aber nun, dass Ihre Tomate nicht aussieht wie ein zweidimensionaler, tomatenförmiger, tomatenroter Fleck auf der Leinwand, sondern wie das Objekt, das vor Ihnen liegt – eine richtige Tomate, nach der man direkt greifen möchte, weil sie so echt aussieht. Sie fügen also die Lichtreflexe hinzu, die das natürliche mittelhelle Tageslicht auf die Rundungen Ihrer Tomate wirft. Dann betonen Sie die äußeren Ränder der Tomate in dunkleren oder helleren Schattierungen, je nachdem, wie das Licht und die Raumsituation rund um Ihr Objekt beschaffen sind. Möglicherweise ist von der ursprünglichen Lokalfarbe Tomatenrot jetzt gar nicht mehr so viel übrig geblieben? Dann haben Sie jetzt erreicht, dass die Tomate in ihrer Erscheinungsfarbe zu sehen ist.

Besonders deutlich wird der Unterschied vielleicht, wenn Sie sich vorstellen, dass das mittelhelle Tageslicht des Morgens inzwischen zu einem sonnigen Mittag geworden ist. Sie werden feststellen, dass ihr Tomaten-Modell nun eine ganz andere Farbigkeit zeigt und Sie mit dem Malen im Grunde von vorn beginnen können (im Übrigen eine Schwierigkeit bei der Pleinair-Malerei: Der Maler vor Ort muss bei ständigem Wechsel von Sonne und Wolken manchmal erst abwarten, bis die Beleuchtung, in der er sein Bild angefangen hat, wieder “stimmt”).

Die Erscheinungsfarbe zeigt einen Gegenstand somit in der Farbe, in der er unter den herrschenden Lichtverhältnissen erscheint, berücksichtigt also auch farbige Reflexe, wie sie durch die besonderen Lichtverhältnisse, und Schattierungen, wie sie durch die Dreidimensionalität des Objekts entstehen.

Es war der Impressionismus, der bildnerische Darstellung in der Erscheinungsfarbe zu seinem Schwerpunkt-Thema machte, aber auch im Klassizismus und in der Ronantik sind Beispiele dafür zu finden.

Zu weiteren Farbunktionen:

Der Vollständigkeit halber sei hier noch auf einige weitere Farbfunktionen hingewiesen.

Die Ausdrucksfarbe vermittelt das Gefühl, das der Künstler in seinem Bild zum Ausdruck bringen will, eine Emotion oder Empfindung, die gezeigt werden soll. Die Farbigkeit in solchen Darstellungen kann von den realen Farben der Objekte stark abweichen. Beispiele dafür sind im Expressionismus zu finden.

Der Symbolfarbe bediente sich hauptsächlich die Malerei des Mittelalters für visuelle Hinweise auf bestimmte Zusammenhänge (so stand zum Beispiel Gold für das universelle göttliche Licht). Die Symbolfarbe ist allerdings immer vor dem jeweiligen kulturellen und historischen Hintergrund einer Darstellung zu betrachten: Wurde die Farbe Rot zum Beispiel in der europäischen Kunst des 16. Jahrhunderts als Symbol für die Liebe eingesetzt, so steht sie in der Malerei des 20. Jahrhunderts häufig für die politische Aussage des Kommunismus.

Die absolute Farbe wird in der abstrakten Malerei eingesetzt und stellt nur sich selbst dar.

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