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Sind Russlanddeutsche Deutsche oder Russen?

Wolgadeutsche Russlanddeutsche

Wie viele Fragen im Leben ist auch die Frage, ob Russlanddeutsche Deutsche oder Russen sind, nicht klar zu beantworten, denn das Identitätsgefühl eines jeden Menschen ist nicht zuletzt eine Privatangelegenheit. Sogenannte Russlanddeutsche haben jedoch eine gemeinsame Geschichte, die teilweise bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht. Einfach gesagt, handelt es sich bei Russlanddeutschen um deutschstämmige Bevölkerungsgruppen, die auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion lebten und leben. Trotz zunehmender Abwanderung waren das Anfang der 1990er Jahre noch etwa zwei Millionen Menschen. Die meisten davon sind die Nachkommen der etwa 30.000 Menschen, die im 18. und 19. Jahrhundert unter Katharina der II., genannt Katharina die Große, hier angesiedelt worden waren.

Der rechtliche Status ist eindeutig

Rechtlich gesehen sind Russlanddeutsche ganz klar Deutsche und unterscheiden sich deshalb komplett von anderen Einwanderungsgruppen. „Spätaussiedler sind Deutsche im Sinne des Grundgesetzeslautet es zum Beispiel auf der Webseite des deutschen Bundesinnenministeriums. Russlanddeutsche und speziell die Wolgadeutschen zählen damit schon rein rechtlich, anders als andere Einwanderungsgruppen, ab dem ersten Tag, an dem sie in Deutschland ankommen als Deutsche. Im weiteren heißt es auf der Webseite „Sie können nur dann als Spätaussiedler in Deutschland aufgenommen werden, wenn sie sich in ihrer Heimat zum deutschen Volkstum bekannt haben. Zudem müssen sie die Fähigkeit zu einem einfachen Gespräch auf Deutsch nachweisen.

Erste deutsche Siedler auf russischem Gebiet

Die ersten deutschen Siedler siedelten sich bereits um 1200 in der sogenannten Kiewer Rus an, einem altostslawischen Reich und Vorläuferstaat der heutigen Länder Ukraine, Russland und Weißrussland. So gründeten beispielsweise Kaufleute aus Lübeck ein Hansekontor in Nowgorod, das etwa 165 Kilometer südöstlich von Sankt Petersburg liegt. Im 15. und frühen 16. Jahrhundert hatten sich die Machtverhältnisse deutlich geändert. Iwan III., genannt Iwan der Große, regierte das Großfürstentum Moskau und hatte diesem weiträumige Gebiete unterworfen. Iwan III. war der erste Zar, der wie seine späteren Nachfolger Fachleute aus dem Ausland anwarb. Infolgedessen siedelten sich auch deutsche im Machtzentrum und Großfürstentum Moskau dauerhaft an.

Separierung in den Vorstädten von Moskau

Mitte des 17. Jahrhunderts erging ein Zarenerlass der besagte, dass alle westeuropäischen Aussiedler hinter die Stadtgrenzen Moskaus ziehen müssen. Der Ort mit den westeuropäischen Siedlern wurde Nemezkaja sloboda genannt, was soviel wie deutsche Vorstadt bedeutet. Dort lebten nach einer Hofzählung im Jahr 1665 etwa 1.200 Menschen größtenteils deutscher Herkunft. Etwa 50 Jahre später waren es schon mehr als doppelt so viele. Peter der Große ließ um 1700 die neue Hauptstadt Sankt Petersburg erbauen und erhob damit Anspruch auf die Vorherrschaft im baltischen Raum. Hier lebten fortan die meisten aus dem Ausland angeworbenen Fachleute und auch viele Deutsch-Balten unter zaristischer Herrschaft.

Deutsche Siedler unter Katharina der Großen

Katharina II. stammte aus Preußen und war mit Zar Peter III. verheiratet. Durch einen von ihr gelenkten Putsch wurde ihr Gatte ermordet und sie wurde 1762 zur Alleinherrscherin. Die absolutistische Herrscherin eroberte den Zugang zum Schwarzen Meer und sorgte ab 1764 für die gezielte Ansiedlung deutscher Bauern an der Wolga und in den neu eroberten südrussischen Gebieten. Dafür veröffentlichte Sie eine Einladung, die man bis heute zum Beispiel hier bei der Deutschen Welle nachlesen kann. Im damals von Krieg und Hunger gebeutelten Schwaben, Bayern, Hessen usw. fand die Einladung sehr viel Zustimmung unter den Bauern, die Ihre Höfe im Krieg verloren haben. Den Bauern wurde Land und die Befreiung vom Militärdienst versprochen.

So wanderten etwa 30.000 sogenannte Wolgadeutsche und Schwarzmeerdeutsche aus Südwestdeutschland ins Russische Zarenreich ein.

Wolgadeutsche

Das Gebiet, auf dem die Wolgadeutschen siedelten.

Sie gründeten 190 Siedlungen und Kolonien, die sich vom Ural bis zur Ukraine und zur Krim erstreckten und über längere Zeiträume autonom waren. Später entstanden auch Siedlungen in Turkestan und Sibirien. In Wolynien, einer historischen Landschaft im Nordwesten der Ukraine, lebten im 19. Jahrhundert rund 200.000 sogenannte Wolyniendeutsche, die nach 1900 nach Sibirien verschleppt und vertrieben wurden.

Russlanddeutsche nach den Weltkriegen

In der Zeit des Ersten Weltkrieges reduzierte sich die Zahl der Russlanddeutschen um die Hälfte. Nach 1920 lebten noch etwa 350.000 Russlanddeutsche auf dem Gebiet der Sowjetunion. Viele wanderten nach dem Machtergriff der Kommunisten nach Nord- und Südamerika aus.

Auswanderung vieler Wolgadeutschen nach Nordamerika

Auswanderung vieler Wolgadeutschen nach Nordamerika

Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Wolgadeutschen zwangsumgesiedelt und unter Quarantäne gesetzt

Die Wolgadeutschen wurden nach dem Angriff Hitlerdeutschlands zu Unrecht kollektiv der Kollaboration beschuldigt. Die noch verbliebenen autonomen Gebiete der Russlanddeutschen wurden endgültig aufgelöst und die deutschstämmigen Menschen zwangsweise nach Sibirien, Kasachstan, Tadschikistan und Kirgisien umgesiedelt. Dort wurden Sie unter Quarantäne gesetzt und durften bis in die 50 Jahre zum Beispiel nicht ohne offizielle Erlaubnis Ihren Wohnort verlassen. Die Russlanddeutschen wurden in der späteren Sowjetunion wieder in die Gesellschaft eingegliedert und teilweise rehabilitiert. Ihre alten Siedlungsgebiete erhielten sie nicht zurück. Bis heute gibt es den Wunsch bei Teilen der Russlanddeutschen, ihre Autonomie wieder herzustellen.

Die Identität von sogenannten Russlanddeutschen

Über die Identität von Menschen mit deutschen Wurzeln in Russland, der Ukraine und anderen ehemaligen Sowjetstaaten können nur Mutmaßungen angestellt werden, denn ihre Schicksale und Lebensumstände sind so vielfältig wie bei allen Menschen. Viele sogenannte Russlanddeutsche sind nach 1991 in westliche Länder und vor allem nach Deutschland ausgesiedelt, wo sie recht problemlos die deutsche Staatsbürgerschaft erhielten. Die Bundesrepublik Deutschland hat Anfang der 1990er Jahre Verträge mit den Nachfolgestaaten der Sowjetunion abgeschlossen, die die Selbstbestimmung der Russlanddeutschen garantieren soll. Inwiefern diese heute noch Bestand haben ist zweifelhaft. Viele noch auf dem Gebiet der Sowjetunion lebende Russlanddeutsche haben sich sicher im Laufe der Zeit gut mit ihrem Leben arrangiert und empfinden ihr Umfeld als ihre Heimat.

Mein DNA-Test

Da ich selbst Russlanddeutscher & sogenannter Spätaussiedler bin und meine Vorfahren sowohl mütterlicherseits als auch väterlicherseits alle Wolgadeutsche waren, habe ich mich gewollt oder ungewollt mein Leben lang mit dem Thema beschäftigt, ob wir nun Deutsche oder Russen sind. Man wird das ja ständig auch von Mitmenschen gefragt. Ob man sich als Deutscher oder als Russe fühlt, ist eine Sache, aber es ist eine ganz andere Sache, was wir denn nun genetisch und ethnisch sind. Wie man sich fühlt, kann man sich aussuchen, aber welche Gene man in sich trägt, das sucht man sich ja nicht aus.

Schon vor Jahren habe ich einen DNA Test machen lassen und meine DNA dabei auf meine Herkunft untersuchen lassen. Dabei kam folgendes Ergebnis heraus:

Russlanddeutsche DNA Ergebnis der Herkunft

Das Ergebnis ist eindeutig, oder?  Und hier noch die Karte dazu:

Wolgadeutsche DNA Test Herkunft

Diesen DNA Test habe ich bei Ancestry machen lassen. Wenn Sie auch Interesse an so einem Test haben, dann klicken Sie hier auf den Link:

  • Ancestry

Man bekommt die Unterlagen und Utensilien nach Hause zugeschickt. Dabei gibt man eine kleine Speichelprobe ab und versendet diese per Post an die dort angegebene Adresse. Nach wenigen Wochen hat man dann sein Ergebnis und kann sich die eigene Familiengeschichte online im eigenen Profil anschauen.

Warum haben sich die Wolgadeutschen nicht mit der russischen Bevölkerung „vermischt“?

Damit das klar ist: im Folgenden rede ich nur von den Wolgadeutschen und nicht von den anderen kleinen Grüppchen an Deutschen auf dem Gebiet des Russischen Zarenreiches. Die Wolgadeutschen wurden von Katharina der Großen in eine weit entlegene Region an der Wolga angesiedelt und ihre primäre Aufgabe bestand darin dieses unbesiedelte Land zu erschließen. Sie lebten weit weg von den russischen Siedlungen, in denen Russen und Menschen anderer Nationalitäten lebten.

In der Region der Wolgadeutschen wurde ausschließlich deutsch gesprochen und es gab deutsche Schulen, deutsche Zeitungen und das gesamte Leben lief auf deutsch ab. Ich weiß das auch aus erster Quelle, denn meine Großeltern haben noch in der alten Wolgadeutschen Republik gelebt und erinnerten sich noch an viele Einzelheiten und diese Informationen haben sie an meine Eltern weitergegeben und meine Eltern an mich. Man kann diese Informationen aber auch hier auf Wikipedia in verschiedenen Artikeln auch hier nachlesen.

Meine Großeltern erinnerten sich, dass sie in der Wolgarepublik in großen Steinhäusern gelebt hatten und dass sie große Höfe mit Knechten & Mägden und zahlreichem Vieh hatten. Während des zweiten Weltkriegs wurden sie dann in Viehwagons nach Sibirien gebracht und einfach im leeren und kaum besiedelten Land ausgeladen. Sie durften nur das Nötigste mitnehmen und mit diesen wenigen Sachen mussten sie dann wieder komplett neues und unbesiedeltes Land erschließen, wie bereits Jahrhunderte zuvor. Es entstanden wieder rein deutsche Siedlungen, von denen meine Vorfahren namentlich auch welche gegründet hatten. In diesen Siedlungen lebten nur Deutsche und sie sprachen nur deutsch untereinander. Außerdem standen sie wie bereits oben geschrieben, unter Quarantäne und durften ihren Ort nicht verlassen. Diese Quarantäne bestand noch bis in die 50er Jahre fort.

Integration in die sowjetische Gesellschaft in den 70ern

Als meine Mutter dann in den 70er Jahren zur Schule ging, konnte sie kein Wort russisch, sie sprach nur deutsch und musste russisch als Fremdsprache lernen. Die Menschen waren sozusagen indirekt gezwungen russisch zu lernen und sich die russische Kultur anzueignen, um eine Arbeit zu bekommen und normal zu leben, so wie andere auch. Öffentlich deutsch zu sprechen war vor allem nach dem zweiten Weltkrieg aber auch noch spät in die 80er Jahre stark verpöhnt. Die Deutschen gaben nach und nach Ihre Kultur und Ihre Sprache auf und integrierten sich in die sowjetische Gesellschaft.

Die deutsche Siedlung, in der meine Mutter mit ihrer Familie gelebt hatte, wurde irgendwann in den 70er oder 80er Jahren komplett aufgelöst und die Bewohner mussten in verschiedene andere Siedlungen umziehen. Jetzt wurden die Deutschen auch in Siedlungen untergebracht, in denen Russen und Menschen anderer Nationalitäten wohnten. Erst in dieser Zeit kam es zu den ersten gemischten Ehen zwischen den Wolgadeutschen und den Russen. Die meisten Wolgadeutschen heirateten dennoch meistens untereinander so wie meine Eltern. In meiner Familie habe ich zum Beispiel insgesamt 8 Onkel und Tanten und davon hat eine Tante einen Russen und die anderen alle haben Wolgadeutsche geheiratet.

Aus diesem Grund können die meisten Russlanddeutschen bzw. Wolgadeutschen, die in den 90er Jahren nach Deutschland kamen, als Deutsche bezeichnet werden, weil sie auch fast nur deutsche Vorfahren haben. Es gibt aber halt auch viele Russlanddeutsche, die nur einen deutschen Elternteil haben und einen russischen oder einen mit einer anderen Nationalität, die Mehrheit ist es aber wie gesagt nicht.

Ist es den Russlanddeutschen wichtig als Deutsche angesehen zu werden?

Diese ganze Diskussion mag für einen Außenstehenden so klingen, als ob die Russlanddeutschen krampfhaft versuchen würden sich zu rechtfertigen, warum sie nun Deutsche und nicht Russen seien. Dabei ist es überhaupt nicht so, dass die Russlanddeutschen etwas gegen Russen haben würden oder dass sie auf keinen Fall als Russen bezeichnet werden wollen. Wir lieben die russische Kultur und die russische Zivilisation und Geschichte. Wir haben viele russische Freunde und Bekannte aber die Russlanddeutschen wurden ihr Leben lang in Russland als Deutsche bezeichnet und nun sind sie in ihre historische Heimat gekommen und hier werden sie nicht selten von Unwissenden als Russen angesehen. Das ist schon ein wunder Punkt bei den Russlanddeutschen.

Wenn man sich ihre Geschichte anschaut, dann stellt man ja fest, wie sehr ihre Vorfahren und sie teilweise auch selbst darunter gelitten hatten, dass sie Deutsche waren. Sie wurden zur Stalinzeit in Lager gesteckt, grundlos erschossen und zwangsumgesiedelt. Sie mussten alles verlassen, was sie sich im Leben aufgebaut hatten und durften auch ihre Sprache und Kultur nicht beibehalten, weil sie Deutsche waren und nun kommen sie in „ihr“ Land zurück und werden als Russen bezeichnet. Das ist für die meisten Wolgadeutschen paradox.

 

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