Vergleich der Romane „Homo Faber“ & „Agnes“ für Deutsch

Im folgenden Text werde ich die Romane „Agnes“ von Peter Stamm und „Homo Faber“ von Max Frisch auf deren inhaltliche Gemeinsamkeiten, Unterschiede und sprachliche Aspekte analysieren und vergleichen.

Der Roman des Schweizer Schriftstellers Max Frisch ist in der Erstauflage 1957 und als korrigierte Auflage 1977 erschienen. 1991 wurde der weltweite Bestseller von Volker Schlöndorff verfilmt.

Agnes hingegen entstand erst Anfang 1993 und wurde 1998 veröffentlicht. 2016 wurde der Roman verfilmt. Zwischen den Werken liegen somit 40 Jahre.

Beide Romane erzählen eine tragisch endende Liebesgeschichte, nachdem der männliche Icherzähler in das Leben der wesentlich jüngeren Protagonistinnen tritt.

Ein kurzer Überblick

Homo Faber, oder der Schaffende, der die Welt zu seinem Nutzen gestaltende Mensch. Bei diesem Roman handelt es sich um einen strukturierten Rollenroman, indem Walter Faber, ein Ingenieur, der „die Dinge so sieht, wie sie sind“, in der Ich-Form chronologisch von den letzten Monaten seines Lebens berichtet. Ein Rollenroman ist eine Unterkategorie des Romans, die vom Protagonisten selbst, stark gefärbt, erzählt wird. Der Roman spielt in den 1950er Jahren und, da es sich um eine Art Reisetagebuch handelt, finden die Szenen in verschiedenen Metropolen, wie Paris, Griechenland, Südamerika und den Vereinigten Staaten statt. Walter Fabers rationales Weltbild bestimmt dabei sein Denken und Handeln. Durch eine schicksalshafte Verkettung von Ereignissen trifft er auf seine Tochter, von der er nichts weiß und beginnt mit ihr eine inzestuöse Liebesbeziehung mit tragischem Ausgang. Erst viel zu spät erkennt er seine Fehler.

Agnes erzählt aus der personalen Perspektive die Liebesgeschichte, des namentlich unerwähnten Protagonisten und Sachbuchautoren zu einer jungen, amerikanischen Doktorandin der Physik. Die Handlung spielt im Chicago der Gegenwart. Der Autor erzählt eine Geschichte in der Geschichte und verlangt, dass die Realität der Fiktion folgt. In 36 kurzen Kapiteln erfährt der Leser alles über den Beginn, die Entwicklung und das Ende der Beziehung.

Stilistik und Sprache

Sprachlich weisen beide Romane eine sehr nüchterne und emotionslose Erzählweise auf. Durch das berichtende Erzählen und die schmucklose Sprache kann eine Spannung nur bedingt aufgebaut werden. Der Prosaist erzählt kühl und knapp und auf das Notwendigste reduziert die Ereignisse. Dadurch wirken die Geschichten sehr distanziert, sachlich und emotionslos. In beiden Romane gibt es einen männlichen Icherzähler, welcher bei Agnes sogar nicht einmal namentlich erwähnt wird. Die Erzählstruktur ist dadurch, dass die Geschehnisse nicht linear erzählt werden (es kommen immer wieder Gedankeneinschübe, Kommentare, Deutungen und Vorgriffe vor) sehr komplex und ein klares Verständnis des Buches kann der Leser erst erlangen, wenn er die Romane zur Gänze gelesen hat.

„Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet.“ So beginnt der Roman von Peter Stamm. Der Tod überschattet in beiden Büchern die Beziehungen und immer wieder kommt das Thema auf.

„Vielleicht würde Sabeth noch leben.“ In beiden Romanen erfährt man gleich zu Beginn von einem Tod, von Personen, die man noch nicht einmal kennt. Die Werke lösen so Verwirrung und bis zu einem gewissen Grad, Spannung aus, auf das, was denn da kommen mag. Die Erzähler versuchen Kontrolle durch Distanz zu erzwingen und verlieren somit die Realität aus den Augen. Tod und Krankheit sind allgegenwärtig und werden dennoch bis zu Letzt verdrängt.

Die Charaktere

Die männlichen Protagonisten können kaum Gefühle zeigen oder zulassen. Ihr Selbstbild verlangt, dass die Gefühle verborgen bleiben müssen. Sie distanzieren sich daher sehr stark von allen Beziehungen. Mit dem Alleinsein scheinen sie sich bereits abgefunden zu haben und sehen Sex als eine Art Kontrollverlust an. Die Erzähler scheuen sich vor Nähe und sie sind nicht fähig zu lieben. Die Männer sehen Distanz als das einfachste Mittel zur Freiheitsgewinnung an.

Beide Frauen wandten sich nach der Ablehnung der Schwangerschaft gegenüber anderen Männern zu und verließen ihre Partner. Obwohl es sich um zwei Geschichten handelt, ist das Verhalten der männlichen Protagonisten fast identisch. Beide flüchten vor der Wahrheit, ohne Rücksicht auf die Menschen innen gegenüber zu nehmen.

Optisch entsprechen die beiden Hauptprotagonistinnen einem sehr natürlichen und ungekünstelten Typus. Sie wirken sehr unscheinbar, blass und sind schlank. Die Frauen sind jung, teils naiv, introvertiert und einerseits sehr rational und distanziert und dann doch wieder sehr emotional und sensibel. Beide sind emanzipiert und gebildet. Agnes hat in Chicago Physik studiert und arbeitet mit ihren 25 Jahre an ihrer Doktorarbeit. Elisabeth hat in Yale studiert und lebt mit Anfang 20 in den Vereinigten Staaten.

Auch ein Blick auf die Frauen in den Nebenrollen ist nicht unwichtig. Ivy ist für Walter Faber einfach eine Frau, die es zwar schafft ihn immer wieder zu verführen aber auch nicht mehr. Er scheint ihr gegenüber sehr gleichgültig und lässt sie das auch immer wieder spüren. Der Sachbuchautor und Louise haben lange Zeit nur Spaß miteinander und schlafen erst am Schluss miteinander. Sie sehen sich nur selten und sprechen nie über Gefühle.

Neben vielen Parallelen gibt es dennoch auch feine Unterschiede bei den Personen und deren Handlungen.

So ist Homo Faber etwa ein Bericht in zwei Stationen. Der Roman ähnelt einem Tagebuch. Agnes Geschichte jedoch hingegen beginnt am Ende. Diese Geschichte wurde niedergeschrieben, als alles bereits geschehen war.

Auf der Suche nach sich selbst

Auf Bitten von Agnes schreibt der Ich-Erzähler über sie und ihre Beziehung eine Geschichte. Agnes, die auf der Suche nach sich selbst ist, ist gefangen in einer fiktiven Geschichte ihres Lebens. Sie wird durch den Erzähler kontrolliert und fügt sich in die ihr zugedachte Rolle, die ihr vorgeschrieben wird. Der Icherzähler von Agnes reduziert Agnes auf das Bild seiner Geschichte. Alles, was nicht in der Geschichte vorkommt, wird verdrängt und ausgeblendet. Der Icherzähler sieht sich als Schöpfer. Seine konstruierte Realität bestärkt ihn in dem Glauben, Agnes besser zu kennen als sie sich selbst und so versucht er die Realität zu manipulieren. Fiktion und Realität verschwimmen, was auch der kursive Schriftstil im Roman zeigt.

Walter Faber hingegen flüchtet sich in ein Leben der Technik. Gefühle sind ihm zu wieder. Er kann sie nicht kontrollieren. Die Technik gibt ihm Sicherheit und Ordnung, in einer Welt, in der er sich einsam und verloren fühlt. Das Leben, die Beziehungen, andere Menschen, dies alles ängstigt ihn.

Beide Männer fertigen sich ein Bild von ihren Mitmenschen an, die so sein müssen, wie sie es sich vorstellen. Probleme, Abweichungen und/oder Änderungen überfordern die Erzähler.

Entgegen seinem Entwurf der Geschichte, verliert Agnes ihr Kind. Sie erleidet eine Fehlgeburt. Anstatt den Schmerz gemeinsam zu verarbeiten, entwirft der Protagonist in seinem Buch eine heile Welt. Er fantasiert eine Welt, in der das Kind noch lebt und Agnes bekräftigt ihn darin. Anfangs kaufen sie Kleidung und Geschenke für das Kind, doch dann fordert Agnes die Wahrheit.

Elisabeth ist die Tochter von Walter Fabers Jugendliebe Hannah. Obwohl Hannah ihm erzählt hatte, dass sie von ihm ein Kind erwartet, hat er es immer verdrängt. Genau wie der Erzähler bei Agnes, hat auch Walter Faber Hannah einen Abbruch nahegelegt, doch sie brachte, ohne sein Wissen, ihr gemeinsames Kind zur Welt.

Während der namenlose Protagonist von Agnes sich eher an das Projekt, an die Geschichte von und über Agnes bindet und somit sich weiterhin eine Scheinwelt aufbaut und sich somit immer mehr von der Außenwelt isoliert, lässt Walter Faber ansatzweise eine Veränderung durch Elisabeth zu. Immer wieder spricht er von Ödipus, der nicht wissend seinen Vater tötet um seine Mutter zu ehelichen oder vom Tod Agamemnons durch seine Frau, die ihn erschlug, weil dieser bereit war, ihre Tochter zu opfern. Walter Faber ist sich seiner Schuld bewusst. Er versucht Gefühle zu zulassen und sich für andere Menschen zu interessieren. Er bemüht sich von seiner Weltanschauung abzusagen aber, ob ihm das schlussendlich gelingt, bleibt offen, da seine fortschreitende Erkrankung ihm auch nicht mehr allzu viel Zeit lässt.

Ein offenes Ende und viel Platz für Interpretationen

Agnes Tod bleibt ungeklärt. Hat Agnes je wirklich existiert? Oder war sie nur eine Romanfigur, die für kurze Zeit zum Leben erweckt wurde? Hat sich Agnes wirklich, weil die Geschichte es so vorgeschrieben hat, umgebracht? Hat Agnes einfach ihr Ende selbst umgeschrieben?

Bei diesem Vergleich wurde deutlich, dass diese beiden Werke, auch wenn Max Frisch bereits lange tot war, als Agnes veröffentlicht wurde, sich in vielen Bereichen stark entsprechen. Gerade Peter Stamm erwartet bei seiner Lektüre jedoch vom Leser, dass dieser viele Lücken schließt und Zusammenhänge herstellt. Das zentrale Thema, die Suche nach sich selbst und die damit verbundene Angst, Unsicherheit und die Distanz als Schutzmechanismus, sind beiden Büchern und Charakteren anheim.

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