Was ist ein Anakoluth? – Beispiele, Wirkung & Erklärung

Das Anakoluth ist ein literarisches Stilmittel, das in sämtlichen literarischen Gattungen weite Verbreitung findet. Im Kern beschreibt der Begriff „Anakoluth“ die Tatsache, dass ein Satz abgebrochen, eine Wortfolge nicht zu Ende geführt wird. Es handelt sich somit um ein Stilmittel, dass auf syntaktischer Ebene wirkt und zu einer Störung im Satzgefüge führt. Besonders häufig tritt es naturgemäß im mündlichen Sprachgebrauch auf, kann aber auch bewusst als literarisches Stilmittel bewusst werden.

Wortursprung

Der Begriff stammt aus dem Griechischen. Er ist eine Zusammensetzung zweier Wörter: ἀν- an „ohne“ und ἀκόλουθον akólouthon „das Folgerichtige“ (griechisch ἀνακολουθία, lateinisch anacoluthon). Man kann das Wort Anakoluth somit grob mit „ohne Folgerichtigkeit“ übersetzen. Ein Satz wird begonnen und dann abgebrochen. Er wird umformuliert und der Satz in einer Art und Weise fortgesetzt, die der ursprünglichen syntaktischen Wortfolge nicht mehr entspricht. Dadurch entsteht eine grammatikalische Störung des Satzgefüges.

Grundsätzlich lassen sich drei verschiedene Arten eines Anakoluths unterscheiden:
1. Der Ausstieg (die Aposiopese): Also ich weiß nicht … Der Satz wird einfach abgebrochen und nicht zu Ende geführt. Es wird aus einem bereits begonnenen Satz ausgestiegen.
2. Die Retraktion: Er hat ihr einiges … alles zu verdanken. In diesem Beispiel wird das Wort „einiges“ nach der Äußerung durch das Wort „alles“ ersetzt, korrigiert.Es findet eine Art Rückschritt des Sprechers von dem bereits Gesagten statt. Eine sogenannte Retraktion.
3. Der Umstieg: Bei dieser Variante des Anakoluths wird von einer bereits angefangenen Satzkonstruktion auf eine andere umgestiegen. Hierbei ist die syntaktische und grammatikalische Störung besonders groß: Wenn jemand Geburtstag hat, dann manchmal schenkt man ihm eine Uhr.

Weitere Beispiele

Warte nur, bis ich dich erwische…

Bei diesem Beispiel handelt es sich um ein Anakoluth vom Typ eins, dem Ausstieg. Der Satz wird nicht beendet, der Leser oder auch Zuhörer muss sich vielmehr die Konsequenz, die wesentliche Aussage des Satzes, selbst ausdenken.

„Korf erfindet eine Mittagszeitung, / welche, wenn man sie gelesen hat, / ist man satt.“ (Christian Morgenstern)

Bei diesem Beispiel wird mit der bisherigen Wortreihenfolge gebrochen. Die Formulierung „welche… ist man satt“ ist ein Anakoluth, die Konstruktion passt syntaktisch nicht zusammen.

Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reißend,
den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust.“

Heinrich von Kleist, Penthesilea, 22. Auftritt

Auch bei diesem Anakoluth passt die Wortreihenfolge nicht. Der Hauptsatz verläuft nach dem Einschub durch den Nebensatz anders weiter, als es den grammatikalischen Regeln entspricht. Es handelt sich hier um ein Beispiel für ein Anakoluth vom dritten Typ, dem sogenannten Umstieg.

Er hat ihn zwei… vier Mal angerufen, ohne Antwort.

Dieser Satz stellt ein Beispiel für ein Anakoluth vom Typ zwei, der Retraktion dar. Der Sprecher beginnt einen Satz, setzt aus, neu an und korrigiert seine Aussage, noch bevor er sie beendet hat. Die grammatikalische uns syntaktische Form des Satzes bleibt erhalten, die Wortreihenfolge bleibt korrekt, es erfolgt lediglich ein Abbruch des Satzes und eine inhaltliche Korrektur.
Diese Art des Anakoluths ist verwandt mit der Metaphrase. Unter einer Metaphrase wird eine erklärende Wiederholung eines Wortes durch den Gebrauch eines Synonyms beschrieben. Der Sprecher korrigiert seine Äußerung, und wählt ein besseres, geeigneteres Wort. Ich habe den Preis des Getränkes, des Weines nicht mehr genau im Kopf. Dieser Satz wäre ein Beispiel für eine solche Metaphrase, der allgemeine Begriff „Getränk“ wird im Satz durch eine präziesere Angabe über die Art des Getränkes korrigiert.

Ein letztes Beispiel:

Wenn eine Person Geburtstag hat, in der Regel gibt es eine Geburtstagsfeier.

Dieser Satz ist syntaktisch nicht korrekt. Die normale Wortreihenfolge ist falsch und müsste eher lauten: Wenn eine Person Geburtstag hat, gibt es in der Regel eine Geburtstagsfeier. Durch die falsche Wortstellung wird der Satz zu einem Anakoluth. Beim Sprechen wird der Satz umformuliert und eine andere Satzkonstruktion fortgeführt. Genau dies macht ihn zum Anakoluth.

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Eine Sonderfom des Anakoluths ist das sogenannte Anapodoton.

Sowohl seine Eltern sind gekommen, [ ]
jedoch konnte er den Termin nicht einhalten.

Bei dieser Form wird ein Satz begonnen und abgebrochen wie bei einem normalen Anakoluth. Allerdings wird der Satz mit einer anderen Konjunktion und einer gänzlich anderen Satzkonstruktion mit einem gänzlich anderen Inhalt umgeschwenkt. Charakteristisch ist diese Form bei korrespondierenden Konjuktionen (sowohl… als auch, Zwar… aber und so weiter). Der zweite Teil der Konjunktion entfällt.

Wirkung und Anwendung des Anakoluths

Das Entscheidende beim Anakoluth ist seine Nähe zur Alltagssprache. Deshalb wird es naturgemäß dazu benutzt, um in der Literatur Alltagssprache zu simulieren. Es ist gerade ein Kennzeichen der Alltagsprache, dass Sätze abgebrochen und korrigiert werden, Satzkonstruktionen mitten während des Sprechens geändert werden. Diesen Effekt sucht man im Geschriebenen durch den Gebrauch eines Anakoluths nach zu empfinden.

Des Weiteren finden sich Anakoluthe dann in literarischen Texten, wenn Hektik, Durcheinander oder Verwirrung transportiert werden sollen. Der sprecher erscheint mit der Situation überfordert und weiß nicht, wie er darauf reagiern solll und bricht den Satz ab.
Mittels dieser Stilfigur kann man literarische Texte realistischer, lebhafter und authentischer machen. Allerdings handelt es sich bei einem Anakoluth nach wie vor um eine Figur, die zu grammatikalischen Fehlern führt. Daher kann auch eine Wertung als Stilfehler erfolgen.
Deshalb ist es auch möglich, dieses Stilmittel zur Charakterisierung von Figuren zu benutzen, wenn es darum geht ihre Herkunft aus niederen und bildungsfernen Schichten zu beschreiben. Somit erscheint der Sprecher ungebildet und auch hektisch. Seine Sprache erscheint unüberlegt und spontan und zeichnet sich durch einen Mangel an Raffinesse und Eloquenz aus.

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1 KOMMENTAR

  1. Ich weiß nicht mehr genau, wie ich darauf gekommen bin, im Internet nach „Anakoluth“ zu klickern. Gekramt habe ich in meinen Erinnerungen des Deutschunterrichts. Da gab es keine konkrete Erinnerung. Drum halt. Und nach so einigen wissenschaftlichen Fachartikeln bin ich zu der Überzeugung gelang, jetzt tipperst du mal eine Roman. Ich arbeite dran.

    Bei diesem Beitrag hier habe ich zuerst die Stirn gerunzelt, dann gelächelt, gelacht. Herrgott, ich mag es, wenn mit Sprache „gespielt“ wird. Wobei ich anmerken muss, dass ich schon immer dafür gevotet habe, dass der Usus von Fachtermini konsequent reduziert wird.

    Weiter so. Hat Spaß gemach.

    LG

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