Was ist ein Paarreim? Erklärung, Beispiel & Wirkung

Gedichte haben vielfach einen Rhythmus. Beim Lesen oder Hören fällt das sofort auf. Doch weisen sie oft noch ein weiteres typisches Merkmal auf – es ist leicht zu erkennen: Sehr viele Gedichte reimen sich. Viele von ihnen am Ende einer Zeile. Schaut man sich diese Zeilenenden genauer an, entdeckt man in vielen Fällen ein Muster. Das nennt man das Reimschema.

Informationen, die sich in der Form verbergen

Man kann lange über den Sinn eines Gedichtes nachdenken und den Inhalt interpretieren, ohne seinen verborgenen Sinn zu erkennen. Auslassungen und Verkürzung sind nämlich auf der Textebene sogar Stilmittel, um eine inhaltliche Aussage anzudeuten, aber nicht bis ins Detail zu erklären. Gedichte bleiben auf diese Weise vieldeutig und rätselhaft. Um bei der Deutung eines Gedichtes ein wenig weiterzukommen, gibt es die formale Analyse.

Reimschema als Form

Das Reimschema ist zunächst ein Mittel, um eine gewisse Struktur und Regelmäßigkeit, aber auch einen Rhythmus in das Gedicht zu bringen. Da es verschiedene Möglichkeiten gibt, die Reimendungen der Zeilen zu kombinieren, haben sich dafür Namen eingebürgert. Man spricht von Kreuzreim oder Wechselreim, von umarmendem Reim oder Blockreim, von verschränktem Reim, vom Haufenreim und so weiter – und eben vom Paarreim. Im Grunde bilden alle Reime irgendwie Paare. In diesem Fall ist aber gemeint, sie bilden Paare, weil die sich reimenden Worte in zwei aufeinanderfolgenden Zeilen stehen. Ein ganz einfaches Beispiel ist der berühmte Spruch:

Es gibt nichts Gutes
außer man tut es.
(Erich Kästner)

Reimschema aa, bb, cc, dd, ee

Das Reimschema des Paarreims bei einer Strophe oder einem Gedicht aus vier Zeilen, wenn man ihm jeweils Buchstaben zuordnet, lautet dann: aa, bb. Das zeigt ein weiteres Beispiel eines sehr berühmten Gedichts von Johann Wolfgang Goethe, das die meisten kennen:

Der Erlkönig
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.

Männlich, stumpf – weiblich, klingend

Goethe wählte für die Reime zudem einsilbige Worte („Wind“ – „Kind“ / „Arm“ – „warm“). Man spricht bei solchen Zeilenenden von „männlicher“ oder „stumpfer“ Endung, wohingegen Kästner ein zweisilbiges Wort wählte („Gutes“) und bei der zweiten Zeile ein wenig schummelte („tut es“). Die zweisilbige Endung einer Zeile (mit einer betonten und einer unbetonten Silbe) nennt man „weiblich“ oder „klingend“.

In dieser bewussten Regelverletzung verlieh Erich Kästner seinem Kurzgedicht Ironie und ein Augenzwinkern. Eine Botschaft, die sich auf rein textlicher Ebene nicht vermittelt, den meisten Menschen aber klar ist, sobald sie diese unsterblichen Zeilen sprechen. Dass fast jeder noch heute Kästners kleine Schummelei bemerkt, liegt unter anderem an der Einfachheit des Paarreims. Jeder bemerkt, dass hier ein Reim gewollt ist. Aber jeder bemerkt auch, dass „tut es“ nicht auf der Höhe der sprachlichen Meisterschaft liegt, die Kästner auch beherrschte, sondern ein etwas humpelnder Behelf ist. Das zu vermitteln ist die Macht der Form.

Kinderlieder, Volkslieder, Abzählreime und Zaubersprüche

Die Einfachheit des Paarreims bewirkt, dass sich Gedichte im Paarreim leichter merken lassen als andere. Dabei darf der Reim sogar unsauber sein, wie das folgende nicht minder berühmte Beispiel zeigt. Es reicht, wenn die Endworte nur ähnlich klingen – und schon gehen sie als Reim durch. Wilhelm Buschs erste Strophe aus Max und Moritz zeigt Paarreime in weiblicher (klingender) Kadenz:

Ach, was muss man oft von bösen
Kindern hören oder lesen!!
Wie zum Beispiel hier von diesen,
Welche Max und Moritz hießen.

Auch werden Paarreime gern für Zaubersprüche genutzt, wie sie beispielsweise in Shakespeares Drama Macbeth vorkommen. Mit einem Paarreim werden die Hexen („The Weird Sisters“) vorgestellt:

Unheilsschwestern, Hand in Hand
Schwärmend über Meer und Land,

Und auch der Zauberspruch selbst wird aus Zeilen mit Paarreim gebildet.

Um den Kessel dreht euch rund!
Giftgekrös in seinen Schlund!
Kröt, die unterm kalten Stein
Tag‘ und Nächte, dreißig und ein,
Giftschleim schlafend ausgegoren,
Sollst zuerst im Kessel schmoren!

Einfach, eingängig und einprägsam

Die Verwendung des Paarreims gibt Hinweise auf seine Hauptmerkmale: Nicht nur lassen sich die Reimpaare vergleichsweise einfach merken. Der Reim erzeugt außerdem einen einprägsamen Rhythmus und weckt eine Erwartung. Denn der Zuhörer oder Leser achtet gespannt darauf, welches Wort als zweites im Paarreim folgt. Durch die erhöhte Aufmerksamkeit lässt sich der Paarreim eben gut in Versen verwenden, die mündlich weitergegeben werden.