Wie schreibt man eine gestaltende Interpretaion? Aufklärung

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Im Deutschunterricht oder auch im Studium der Germanistik trifft man auf eine Reihe von Fachbegriffen: Gedichtanalyse, Argumentation, Erörterung, damit seien nur einige genannt. Die Namen werden im Rahmen der Textarbeit angewandt. In diese Begriffsgruppe gehört auch die gestaltende Interpretation. Was das ist und wie man sie schreibt, soll in den unteren Absätzen erklärt werden.

Was ist eine gestaltende Interpretation?

Die gestaltende Interpretation kann nur bei bestimmten Textgattungen durchgeführt werden. Zum Beispiel eignen sich dafür Schriftstücke aus dem privaten Briefverkehr, Tagebuchpassagen sowie dokumentierte Unterhaltungen zwischen zwei oder mehreren, manchmal auch nur einer einzigen Person.

All diese Textarten haben eine Gemeinsamkeit: Sie enthalten sogenannte Leerstellen. Eine Leerstelle lässt Raum für individuelle Deutungen und kann letztlich nach den eigenen Vorstellungen gefüllt werden. Das selbstständige ‘Weiterschreiben’ einer Quelle findet sich am Ende der gestaltenden Interpretation wieder.

Ähnlich wie bei einer Textanalyse werden auch beim gestaltenden Interpretieren die Stilmittel und der Aufbau einer Quelle näher betrachtet. Um die Aufgabenstellung zu bewältigen, sollte der Interpret die Textquelle zunächst historisch einordnen können. Zeitgenössische Werke sind anders aufgebaut als geschichtliche. Zudem muss er den Text samt Aussage lückenlos verstanden haben. Nur dann ist eine erfolgreiche Interpretation überhaupt möglich. Er weiß, in welchem Verhältnis die Protagonisten zueinander stehen und welchen Themenbereich die Quelle umfasst. Des Weiteren sollten stilistische Besonderheiten als solche erkannt und beschrieben werden können. Ihre Wirkungsweisen hat der Interpret ebenfalls richtig herausgestellt.

Im Anschluss verfasst der Interpret einen selbst erdachten Handlungsstrang, welcher auf den Ursprungstext folgen könnte. Auch wenn dieser Teil mit Kreativität einhergeht, orientiert man sich dennoch an der zugrundeliegenden Quelle. Aus diesem Grund nimmt die gestaltende Interpretation einen Platz zwischen dem kreativen Schreiben und dem tatsächlichen Interpretieren eines Textes ein. Häufig wird diese Form der Textarbeit in Abiturklausuren abgefragt.

Wie verfasst man sie?

Beim gestaltenden Interpretieren liegt der Schwerpunkt nur zum Teil auf der eigenen Kreativität. Stattdessen orientiert man sich möglichst genau an dem vorgegebenen Text. Bei gestaltenden Interpretationen geht es um eine ausgeprägte Textkenntnis und weniger um die eigene Fantasie. Überdies muss man vor der Interpretation sichergehen, dass man den gesamten Inhalt der Quelle korrekt aufgefasst hat. Treffen diese Punkte zu, kann die gestaltende Interpretation angefertigt werden.

Beim Interpretieren wird das Augenmerk auf die Hauptfiguren gerichtet. Zwar darf man Nebenrollen berücksichtigen, sie sollten aber nur ergänzend hinzugezogen werden. Während der Textanalyse unterstreicht man aussagekräftige Passagen. Auf ihnen gründet später das eigene Weiterschreiben.

Das Weiterführen der Textquelle unterliegt den folgenden Rahmenbedingungen:

  • Um den Text auszuweiten, braucht man mindestens eine Zitatstelle. Nur in dem Fall liegt ein unmittelbarer Bezug zur Ursprungsquelle zu.
  • Vor dem Verfassen sollte man über folgende Stichpunkte nachdenken:
    Zwischen dem eigentlichen Textauszug und dem selbstgeschriebenen Teil liegt ein bestimmter Zeitraum. Der Protagonist ist möglicherweise schon alt und blickt jetzt z.B. auf eine Unterhaltung mit seinem damaligen besten Freund zurück.
    Wie geht es ihm dabei? Was für ein Verhältnis hatte er zu dem Freund, als er ihm den Brief geschrieben hatte? Welche sprachlichen Stilmittel wurden im Briefwechsel verwendet? Gibt es Dinge, die er seinem Freund gerne gesagt hätte oder auch nicht?
    An diesen Gedankengängen orientiert man sich während des gestaltenden Schreibens.
  • Die selbst erstellte Fortsetzung sollte die oben genannten Punkte erkennbar widerspiegeln. Je klarer sie aus dem eigenständig verfassten Text hervorgehen, umso besser ist die gestaltende Interpretation gelungen.

Welchen Ansätzen unterliegt die Bewertung?

Wenn in einer Deutschklausur gestaltend interpretiert werden soll, gelten die unteren Stichpunkte als Bewertungskriterien.

  • Hat sich der Text dem Interpreten erschlossen? Konnte er Inhalt, Motivation und Aussage richtig einordnen?
  • Wurden Stilmittel etc. fachgerecht analysiert und interpretiert?
  • Wusste der Interpret, was der Textverfasser mit seinem Werk erreichen wollte und welcher Zweck dem Text zukommt?
  • Konnte die Quelle einer geschichtlichen Zeitspanne zugeordnet werden?
  • Fällt der eigenständig verfasste Text durch Kreativität auf, bei gleichzeitigem Bezug zur Ursprungsquelle?
  • Wurde das Verhältnis zwischen dem Protagonisten zum Adressaten mit einbezogen?
  • Blieb trotz kreativem Schreibens ein logischer roter Faden im eigenen Text erhalten?
  • Hat der Interpret den Sprachstil der Ursprungsquelle in seinem Text aufgegriffen?
  • Wurden die stilistischen Elemente vom Anfang bis zu Ende beibehalten?
    -> Wenn nicht: Ergibt der Stilbruch trotzdem einen Sinn? Verweist er z.B. auf ein besonderes Ereignis im Originaltext?

In Kürze formuliert: Könnte die Textfortsetzung in jeder Hinsicht vom Verfasser des Ursprungswerks stammen?

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