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“Willkommen & Abschied” – Beispiel Gedichtanalyse/Interpretation

  • by Anatoli Bauer

Willkommen und Abschied von Johann Wolfgang von Goethe

Es schlug mein Herz, geschwind, zu Pferde!
Es war getan fast eh gedacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht;
Schon stand im Nebelkleid die Eiche
Ein aufgetürmter Riese, da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.




Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah kläglich aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch frisch und fröhlich war mein Mut:
In meinen Adern welches Feuer!
In meinem Herzen welche Glut!

Dich sah ich, und die milde Freude
Floß von dem süßen Blick auf mich;
Ganz war mein Herz an deiner Seite
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Umgab das liebliche Gesicht,
Und Zärtlichkeit für mich – ihr Götter!
Ich hofft es, ich verdient es nicht!

Doch ach, schon mit der Morgensonne
Verengt der Abschied mir das Herz:
In deinen Küssen welche Wonne!
In deinem Auge welcher Schmerz!
Ich ging, du standst und sahst zur Erden
Und sahst mir nach mit nassem Blick:
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück!




Romantik und Dramatik bei Johann Wolfgang Goethe

“Es schlug mein Herz, geschwind, zu Pferde”, so beginnt das Gedicht “Willkommen und Abschied” von Johann Wolfgang von Goethe.

Spannung ab dem ersten Vers

Gleich im ersten Vers der ersten Strophe versetzt er den Leser seiner ersten Strophe in Aufregung, das Herz schlägt ihm, dem Reiter, schnell. Weil er es eilig hat. Zu Pferde, – da ist schon aus den ersten Worten der Hufschlag im Galopp zu hören, da weht dem Zuhörer bereits der Fahrtwind ins Gesicht. Der Meister der Dichtung der Romantik braucht nicht lange, um seine Zuhörer in Bann zu ziehen. Gleich mehrere Fragen drängen ungestüm wie der Reiter auf den Hörer ein: Warum reitet da einer so stürmisch, woher kommt er und wo geht die Reise hin?

In der zweiten Zeile erfährt der bestürzte Leser, dass der stürmische Reiter eben noch zu Hause gewesen sein muss. In einem geschützten Bereich, wo alles seine Ordnung hat und bis eben kein außerordentliches Ereignis abzusehen war. Was treibt den Mann so plötzlich fort, hat ihn so völlig in den Bann gezogen? Unbedacht, getan, fast eh gedacht. Da war kein Plan, da war keine Erlaubnis. Das schlechte Gewissen schimmert hindurch, er entschuldigt sich fast vor sich selbst, es tut mir leid, ich habe die Kontrolle verloren. Über mich, meine Beherrschung, mein Dasein. Ich bin nur noch ein eilender Reiter. Wohin treibt es den Reiter?

Die Antwort auf diese Frage muss warten. Jetzt kommt der Romantiker in Goethe zum Vorschein: Der Abend, der ist schon da. Mit seiner Ruhe wiegt er die Erde, die wie ein Kind im nahenden Schlaf ruhig und friedlich schlummert. Was für ein Kontrast, den der Dichter da einflechtet und den Leser vorläufig entspannen lässt. Es ist alles normal, in der Natur geht alles seinen gewohnten Gang, die Sonne versinkt und die Stille vor der Nacht bringt Entspannung. Entspannung? Eher ausgebremste Spannung, mit dem Ergebnis, dass der Vers noch weiter an Spannung und Dramatik aufbaut. Gierig muss der Leser weiter lesen. Dieses Verflechtung kennzeichnet das meisterhafte Werk Goethes.

Schilderung seines Gemütszustandes mithilfe von Naturerscheinungen

Beinahe drohend lässt er jetzt die dunkle Nacht über dem Reiter hereinbrechen. Sie ist noch nicht ganz da, hängt noch in den Bergen fest. Wie lange wird diese Naturkraft der Gewalt der Dunkelheit trotzen können? Das innere Auge des Lesers sieht die finstere, schwere Wand förmlich auf sich selbst zukommen. Wer ist hier wer? Wieder eine Goethische Verflechtung: Bin ich der Reiter, der Dichter oder der außenstehende Betrachter, der ein Gedicht liest? Die Frage muss ebenfalls warten, denn es geht weiter.

Die Eiche hüllt sich in ein Nebelkleid. Geheimnisvoll wird aus einem Baum eine handelnde Figur mit menschlichen Eigenschaften. Sie kann sich anziehen wie ein Mensch, sie steht fest und unheilverkündend. Sie droht die Strafe an, die aufrichtige, unbeugsame Eiche. Wie ein Richter, der sich, ohne zu sehen, wer die Person mit dem schlechten Gewissen ist, auf seine erhabene Position begibt und das Urteil auf den Lippen trägt, aber noch nicht verkündet hat. Wieder ein dramatisches Element, das der sich aufbauenden Spannung eine weitere Nuance obenauf tut.

Diese Eiche wächst jetzt gar zu einem Riesen auf. Sie nimmt eine unnatürliche Gestalt an und wechselt jetzt von der Natur in eine andere Sphäre. Aufgetürmt, wie eine Wolkenwand gewinnt diese richtende Gestalt die Übermacht und der Reiter wird auf der Bühne des Gedichtes immer kleiner, ja, er droht gar, von der Übermacht vernichtet zu werden. Goethe schildert hier meisterlich seine Stimmungslage, angesichts einer in ihm wogenden Fantasie. Oder ist es Wirklichkeit? Reitet Goethe wirklich in der anbrechenden Nacht durch ein finsteres Tal? Vielleicht ist es nur eine verlorene Sehnsucht, die Angst, etwas zu verlieren? Die Dichter seiner Zeit, die Romantiker, Träumer und Schwärmer drückten ihre innere Stimmung, ihre Ängste oft in Parabeln oder Anspielungen auf die Mächte der Natur aus. Diese mächtigen Gewalten tobten in ihnen drin, die Intensität ihrer Gefühle vermochten sie nicht in direkten Worten auszudrücken, sondern sie gebrauchten Vergleiche, Sinnbilder und Synonyme für die Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit, mit ihrer Härte und Lieblosigkeit setzten sie ihre Träume entgegen und stellten den Menschen die Frage, nach dem Sinn des Lebens.



Die Frage nach dem Sinn des Daseins

Wofür durch den finsteren Wald der Gefühle jagen, wenn dabei nichts herauskommt. Doch das steht noch nicht fest. Noch reitet der Reiter, noch hält er den Bogen der Spannung aufrecht. In seinen Ängsten sieht der Reiter die tausend Augen, das sind tausend schlechte Gewissen, tausend Ängste und Nöte. Sie blicken schwarz aus dem finsteren Gesträuch. Das Buschwerk bekommt hier einen anklagenden Part. Es kratzt selbst dem Leser noch die Haut auf, ragt garstig herüber aus des Dichters aufgewühlter Welt. So wie Menschen beobachten, sticheln und verletzen.

Der Dichter erzeugt Kontrast

In der zweiten Strophe bricht scheinbar die Spannung zusammen. Nach sich aufbäumenden finsteren Gewalten schaut plötzlich der Mond hervor. Als hätte er sich in der Geschichte verirrt, an der falschen Stelle aufgetaucht. Mit seinem kläglichen Leuchten kann er kaum die Wolken überduften, auch die Winde wiegen nur noch leise, so, als wären sie ermüdet vom ständigen Schrecken verbreiten. Entwarnung? Oh, da taucht ein Attribut auf, das den Leser sofort wieder daran erinnert: schlagendes Herz, geschwind und zu Pferde. Wohin, warum und was ist geschehen? Jetzt brechen sie hervor, die tausend Ungeheuer und zeigen ihr wahres Gesicht. Das Gericht beginnt, der Reiter ist verloren!

Doch mitten in der Strophe bricht die Macht der Tyrannen, die Ängste und die schwarzen Augen schmelzen dahin. Plötzlich erklingen ganz andere Klänge in Goethes Gedicht: Frisch und fröhlich war mein Mut! Na sieh einer das an! Da haut aber einer auf den Putz! Schlug nicht eben noch sein Herz bang und unter aufgetürmten Riesen?

Traum und Wahrheit miteinander verflechten, um sich auszudrücken

Hier stellt sich die Frage, woher dieser Bruch in der Dramatik kommt. Auf der einen Seite die finstere, stürmische Welt der Fabelwesen, auf einmal tritt der Reiter ein in eine andere Welt. Dem bangen Dichter mag da ein rettender Gedanke gekommen sein. Worum geht es bei dieser Reise, diesem Ritt durchs Leben? Um Liebe. In den Adern des Dichters entsteht eine gegenläufige Gewalt: Gegen alle Schrecknisse dieses Lebens steht die Macht der Liebe, sie brennt wie ein Feuer! Ein verzehrendes Feuer. Wieder steht eine Naturgewalt gegen die andere. Ein verzehrendes Gefühl gegen ein vernichtendes Gefühl. Und es gewinnt die Macht des Feuers, der Liebe. Diese Glut überwindet das heftig schlagende Herz.

Der Dichter im Kontext seiner Zeit

Der Wandel in der Handlung ist für den Dichter ein Parallele zu seinem eigenen Leben. Gegen alle Angst hat er die Liebe in seinem Herzen, an die er sich erinnert, wenn es ihm wieder einmal schlecht geht. Dann träumt er sich in eine andere Welt, in der die Träume wahr werden. Jetzt wird es Frühling. Allein die Wahl der Worte wie süß, rosafarbenes Frühlingswetter, liebliches Gesicht und die Zärtlichkeit für mich brechen das Eis der kalten Traumwelt.

Da erinnert er sich wieder an die Götter, die Richter. Da schlägt schon wieder das schlechte Gewissen an. Nicht, weil die Liebe eine verbotene wäre, ist sie ja wohl doch nur im Traum geschehen, sondern ein schlechtes Gewissen, ob des enormen Glücks. Ein Hauch von Aberglaube haftet dieser Zeile an. Die Angst, dass die ausgleichende Gerechtigkeit eines unbekannten Weltenwesens oder der Götter ihm das nicht gönnen könnten.

In diesem Verwoben sein aus Hoffnung, Angst vor Naturgewalten, einer übersinnlichen, möglicherweise strafenden Macht und dem einfachen Bedürfnis, Liebe zu empfinden und zu geben, spiegelt sich der Geist der Zeit Goethes wider. Die Aufklärung brachte viele gute Gedanken und schuf für Menschen neue Lebensräume. Es war eine Zeit der Visionäre und Träumer. Eine Zeit der Denker, Erfinder und Romantiker. Doch auch eine Zeit der Kriege, des kalten Berechnens und der verlorenen Liebe. In der letzten Strophe klinge der Abschied durch die Welt des Dichters herüber, der auf so mitreißende Art den Traum seiner Nacht in dichterische Form brachte.

Willkommen und Abschied

Wie zwei gegensätzliche Pole, die sich anziehen und doch wieder auseinander müssen, setzt hier der Dichter den gedanklichen Rahmen um die Handlung. Am Anfang die unheilvolle Flucht vor sich selbst, am Ende das versöhnliche, aber traurige Auseinander gehen. Es stellt einen Abschnitt im Zyklus eines Lebens, einer Liebe dar vor dem Hintergrund der Erfahrung des Loslassen-müssen und der Angst, sie zu verlieren. Die Spannung fließt zwischen den beiden Polen Willkommen und Abschied. Nur wenn diese Dramatik im Leben und Lieben beibehalten wird, bleibt es aufregend, lebenswert. Dieses spannende Gedicht erzählt davon.

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