Beispiel eines Gedichtvergleichs: „Ein Winterabend“ (Trakl) und „Winternacht“ (Eichendorff)

Aktualisiert: Oktober 2026 · Fach: Deutsch

Kurz erklärt

  • Verglichen werden Georg Trakl, „Ein Winterabend“ (Expressionismus, 1913) und Joseph von Eichendorff, „Winternacht“ (Romantik).
  • Gemeinsam: Winter, ein Baum als zentrales Bild, religiöse Hoffnung, 3 Strophen à 4 Verse.
  • Unterschiede: Trakl nutzt umarmenden Reim, Trochäus und rätselhafte, fast feierliche Bilder (Brot und Wein); Eichendorff schreibt eine Volksliedstrophe mit Kreuzreim und Jambus.
  • Bei Trakl findet ein Wanderer jetzt Einkehr und Gnade, bei Eichendorff träumt der Baum von einem künftigen Frühling.
  • Unten findest du einen vollständigen Muster-Vergleich mit Einleitung, Hauptteil und Schluss.

Ein Gedichtvergleich ist mehr als zwei Analysen hintereinander. Entscheidend ist, dass du klare Vergleichsaspekte wählst und Gemeinsamkeiten und Unterschiede begründest. Das Paar „Ein Winterabend“ und „Winternacht“ eignet sich gut, weil beide das gleiche Thema haben, aber aus verschiedenen Epochen stammen.

Die beiden Gedichte

Beide Texte sind gemeinfrei und dürfen vollständig zitiert werden.

Georg Trakl: Ein Winterabend (2. Fassung, 1913)

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohlbestellt. (V. 1–4)

Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft. (V. 5–8)

Wanderer tritt still herein;
Schmerz versteinerte die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
Auf dem Tische Brot und Wein. (V. 9–12)

Joseph von Eichendorff: Winternacht

Verschneit liegt rings die ganze Welt,
Ich hab’ nichts, was mich freuet,
Verlassen steht der Baum im Feld,
Hat längst sein Laub verstreuet. (V. 1–4)

Der Wind nur geht bei stiller Nacht
Und rüttelt an dem Baume,
Da rührt er seinen Wipfel sacht
Und redet wie im Traume. (V. 5–8)

Er träumt von künft’ger Frühlingszeit,
Von Grün und Quellenrauschen,
Wo er im neuen Blütenkleid
Zu Gottes Lob wird rauschen. (V. 9–12)

Die Vergleichsaspekte auf einen Blick

Trakl: Ein WinterabendExpressionismus, 1913umarmender Reim abbavierhebiger Trochäuskein lyrisches IchWanderer kehrt einErfüllung jetztBrot und Wein: AbendmahlSchmerz als SchwelleGemeinsamWinter, Kälte, DunkelheitBaum als Hoffnungsbildreligiöser Schluss3 Strophen à 4 VerseWeg vom Dunkel ins LichtEichendorff: WinternachtRomantikKreuzreim ababJambus, 4 und 3 Hebungenlyrisches Ich in V. 2Baum träumt vom FrühlingErfüllung in ZukunftNatur lobt GottVolksliedton, schlicht
Infografik: Unterschiede links und rechts, Gemeinsamkeiten in der Mitte – so kannst du auch deinen eigenen Vergleich vorbereiten.
Aspekt Trakl: Ein Winterabend Eichendorff: Winternacht
Reimschema umarmender Reim abba (fällt – läutet – bereitet – wohlbestellt) Kreuzreim abab (Welt – freuet – Feld – verstreuet)
Metrum vierhebiger Trochäus Jambus, abwechselnd vier und drei Hebungen (Volksliedstrophe)
Sprecher kein lyrisches Ich, verallgemeinernd: „Vielen“, „Mancher“, „Wanderer“ lyrisches Ich nur in V. 2, dann Blick auf den Baum
Zeitstruktur Präsens; ein einziges Präteritum: „versteinerte“ (V. 10) Präsens; Ausblick ins Futur: „wird rauschen“ (V. 12)
Bewegung drinnen (Str. 1) – draußen (Str. 2) – Übergang hinein (Str. 3) Erstarrung (Str. 1) – Bewegung durch den Wind (Str. 2) – Traum vom Frühling (Str. 3)
Bildsprache rätselhaft, symbolisch, farbig: „Golden blüht der Baum der Gnaden“ anschaulich, natürlich, personifiziert: der Baum „redet wie im Traume“
Religiöser Bezug Brot und Wein: Abendmahl, Gnade „Zu Gottes Lob“: Schöpfung lobt Gott

So baust du einen Gedichtvergleich auf

  1. Einleitung: beide Gedichte mit Autor, Titel, Jahr und Epoche vorstellen, gemeinsames Thema nennen, Vergleichsfrage formulieren.
  2. Analyse des ersten Gedichts: Inhalt, Form, Sprache, Deutung – knapp, aber mit Zitaten.
  3. Analyse des zweiten Gedichts: mit Blick auf die Vergleichsaspekte, schon mit Rückbezügen („Anders als bei Trakl …“).
  4. Vergleich: Gemeinsamkeiten und Unterschiede nach Aspekten geordnet und mit den Epochen erklärt.
  5. Schluss: Ergebnis zusammenfassen, Vergleichsfrage beantworten, eigene Einschätzung.
Tipp: Statt zwei getrennter Analysen kannst du auch aspektorientiert vergleichen (erst Form beider Gedichte, dann Sprache, dann Deutung). Das ist anspruchsvoller, wirkt aber oft überzeugender. Frag im Zweifel, was deine Lehrkraft erwartet.

Muster-Gedichtvergleich

Einleitung

Die Gedichte „Ein Winterabend“ von Georg Trakl, dessen zweite Fassung 1913 entstand und dem Expressionismus zugeordnet wird, und „Winternacht“ von Joseph von Eichendorff aus der Epoche der Romantik beschreiben beide eine winterliche Szene, in der ein Baum zum Zeichen der Hoffnung wird. Im Folgenden soll untersucht werden, wie beide Gedichte den Weg aus Kälte und Dunkelheit zu Trost und Heil gestalten.

Hauptteil: Analyse „Ein Winterabend“

Trakls Gedicht besteht aus drei Strophen mit je vier Versen im vierhebigen Trochäus und umarmendem Reim. Die geschlossene Reimform passt zu einem Gedicht, in dem es um Geborgenheit und ein schützendes Haus geht. In der ersten Strophe wird ein Innenraum beschrieben: Der Schnee fällt „ans Fenster“ (V. 1), die „Abendglocke“ (V. 2) läutet, und „Vielen ist der Tisch bereitet“ (V. 3). Die zweite Strophe wechselt nach draußen zu „Mancher auf der Wanderschaft“ (V. 5), der „auf dunklen Pfaden“ (V. 6) kommt. Gegen dieses Dunkel steht das rätselhafte Bild „Golden blüht der Baum der Gnaden“ (V. 7): Mitten im Winter blüht ein Baum, die Farbe Gold verweist auf das Kostbare und Heilige. In der dritten Strophe tritt der „Wanderer“ – nun ohne Artikel und damit fast wie ein Name – „still herein“ (V. 9). Der Vers „Schmerz versteinerte die Schwelle“ (V. 10) ist der einzige im Präteritum. Der Schmerz ist also vergangen, aber in der Schwelle festgehalten: Der Übergang ins Haus ist mit Leid verbunden. Am Ende „erglänzt in reiner Helle / Auf dem Tische Brot und Wein“ (V. 11 f.). Diese Bilder erinnern an das christliche Abendmahl und deuten an, dass der Wanderer Gnade und Erlösung findet.

Hauptteil: Analyse „Winternacht“

Eichendorffs Gedicht ist in drei Volksliedstrophen mit Kreuzreim und Jambus gestaltet, wobei vierhebige und dreihebige Verse abwechseln. Die schlichte, liedhafte Form ist typisch für die Romantik. Anders als bei Trakl meldet sich hier ein lyrisches Ich, das klagt: „Ich hab’ nichts, was mich freuet“ (V. 2). Der verlassene Baum, der „längst sein Laub verstreuet“ (V. 4) hat, spiegelt diese Stimmung; die Natur wird zum Spiegel der Seele. In der zweiten Strophe bringt der Wind Bewegung: Die Alliteration „rüttelt“, „rührt“, „redet“ (V. 6–8) zeigt, wie der Baum aus seiner Starre erwacht. Durch die Personifikation „redet wie im Traume“ (V. 8) erhält er eine Seele. In der dritten Strophe träumt er „von künft’ger Frühlingszeit“ (V. 9), von „Grün und Quellenrauschen“ (V. 10), und wird dann „Zu Gottes Lob“ (V. 12) rauschen. Die Hoffnung ist also auf die Zukunft gerichtet; das Futur in V. 12 macht sie zur Gewissheit.

Vergleich

Beide Gedichte führen von Kälte und Dunkel zu Licht und religiöser Hoffnung, und in beiden steht ein Baum im Zentrum. Bei Eichendorff ist es ein realer, kahler Baum, der vom Frühling träumt; bei Trakl ein fast überirdischer „Baum der Gnaden“, der schon jetzt golden blüht. Während Eichendorff eine einfache, anschauliche Naturszene zeichnet und die Erfüllung in die Zukunft verlegt, arbeitet Trakl mit verdichteten, rätselhaften Bildern und zeigt die Erfüllung als gegenwärtigen, feierlichen Moment. Auch die Sprecherhaltung unterscheidet sich: Eichendorffs persönliches „Ich“ entspricht der romantischen Gefühlsaussprache, Trakls unpersönliche Sprechweise und seine symbolische Farbsprache sind typisch für seine expressionistische Lyrik. Die unterschiedlichen Reimformen unterstützen dies: Der umarmende Reim bei Trakl wirkt geschlossen wie das schützende Haus, der Kreuzreim bei Eichendorff liedhaft und bewegt.

Schluss

Zusammenfassend gestalten beide Gedichte den Winter als Zeit der Kälte, aus der der Glaube einen Ausweg zeigt. Eichendorff bleibt dabei nah an der Natur und vertraut auf den kommenden Frühling, Trakl verwandelt die Szene in ein geheimnisvolles, religiös aufgeladenes Bild der Einkehr. Mich spricht Trakls Gedicht stärker an, weil der Vers über den versteinerten Schmerz andeutet, dass der Trost erst nach einem schweren Weg kommt.

Typische Fehler: Strophenzahl falsch zählen (beide haben drei Strophen), Trakls Gedicht mit dem Ersten Weltkrieg erklären (es entstand vorher), nur Gemeinsamkeiten aufzählen, ohne sie mit den Epochen zu begründen.

Mehr zur Analyse eines einzelnen Gedichts erklärt Eine gute Gedichtanalyse schreiben. Die Reimformen findest du unter umarmender Reim und Kreuzreim.

FAQ

Wie lang sollte ein Gedichtvergleich sein?
In der Oberstufe meist etwa so lang wie zwei Einzelanalysen, wobei der eigentliche Vergleich einen eigenen, ausführlichen Teil bekommen sollte.
Muss ich beide Gedichte gleich ausführlich analysieren?
Oft wird das erste Gedicht ausführlicher analysiert, das zweite gezielt im Hinblick auf die Vergleichsaspekte. Die Aufgabenstellung entscheidet.
Was bedeutet „Brot und Wein“ bei Trakl?
Es verweist auf das christliche Abendmahl, also auf Gemeinschaft, Gnade und Erlösung.
Ist Trakl wirklich Expressionist?
Er wird meist zum Frühexpressionismus gezählt. Typisch sind seine Farbsymbolik, rätselhafte Bilder und eine oft düstere, verdichtete Sprache.

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