Was ist ein umarmender Reim? Reimschema abba, Beispiel und Wirkung

Was ist ein umarmender Reim

Aktualisiert: Oktober 2026 · Fach: Deutsch

Kurz erklärt

  • Beim umarmenden Reim (auch umschließender Reim oder Blockreim) reimen sich Vers 1 und 4 sowie Vers 2 und 3. Reimschema: abba.
  • Das äußere Reimpaar (a) „umarmt“ das innere Reimpaar (b) wie eine Klammer.
  • Typisch für die beiden Quartette des Sonetts (abba abba), z. B. bei Andreas Gryphius.
  • Wirkung: geschlossen, abgerundet, ruhig; die Strophe wirkt wie eine Einheit, der letzte Vers bringt sie zum Abschluss.

Der umarmende Reim ist neben Paarreim und Kreuzreim eine der drei Reimformen, die du in jeder Gedichtanalyse kennen musst. Du erkennst ihn leicht, wenn du die Endwörter mit Buchstaben markierst. Schwieriger ist es, seine Wirkung zu beschreiben – dafür findest du unten Formulierungshilfen und eine Musteranalyse.

Definition: Was ist ein umarmender Reim?

Ein Reim ist der Gleichklang zweier Wörter ab dem letzten betonten Vokal (Erden – Herden). Das Reimschema zeigt mit Kleinbuchstaben, welche Versenden sich reimen: Gleicher Buchstabe heißt gleicher Reim.

Beim umarmenden Reim bilden der erste und der letzte Vers einer Vierergruppe ein Reimpaar, dazwischen steht ein zweites Reimpaar. Das ergibt das Schema abba. Folgt eine zweite Strophe mit neuen Reimen, schreibt man abba cddc; werden die Reime der ersten Strophe übernommen, schreibt man abba abba.

Umarmender Reim: abbaVers 1 … ErdenVers 2 … einVers 3 … seinVers 4 … HerdenabbaDas a-Paar umschließt das b-Paar.Zum VergleichPaarreima a b bKreuzreima b a bumarmenda b b aSchweifreima a b c c b
Infografik: Das Reimschema abba als Klammer – und die anderen Reimformen im Vergleich.

Beispiel: „Es ist alles eitel“ von Andreas Gryphius

Das bekannteste Beispiel stammt aus dem Barock. Andreas Gryphius (1616–1664) schrieb das Sonett „Es ist alles eitel“ unter dem Eindruck des Dreißigjährigen Krieges. Hier das erste Quartett in leicht modernisierter Schreibweise:

Gryphius, 1. QuartettDu siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden. (a)
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein; (b)
Wo jetzt noch Städte stehn, wird eine Wiese sein, (b)
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden. (a)

„Erden“ und „Herden“ bilden die äußere Klammer, „ein“ und „sein“ das innere Paar. Das zweite Quartett nimmt genau dieselben Reimklänge wieder auf:

Gryphius, 2. QuartettWas jetzt so prächtig blüht, soll bald zertreten werden; (a)
Was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein; (b)
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein. (b)
Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden. (a)

Für beide Quartette zusammen gilt also das Reimschema abba abba – die klassische Form des Sonetts. Die beiden folgenden Terzette haben in diesem Gedicht andere Reime (mehr dazu im Artikel Quartett und Terzett im Gedicht).

Ein einfaches eigenes BeispielAm Morgen liegt der Nebel auf dem Feld, (a)
die Vögel schweigen noch in ihren Zweigen, (b)
und langsam sieht man erst die Sonne steigen, (b)
bis sie den Tag in warmes Licht erhellt. (a)

Wirkung des umarmenden Reims

Reime beeinflussen Klang, Rhythmus und Stimmung eines Gedichts. Für den umarmenden Reim werden in Schulbüchern vor allem diese Wirkungen genannt – prüfe aber immer, ob sie zu deinem Gedicht passen:

  • Geschlossenheit: Die Strophe wirkt wie ein abgeschlossener Block. Der Leser wartet nach Vers 1 drei Verse lang auf den Reimpartner; erst Vers 4 „schließt die Klammer“.
  • Ruhe und Ordnung: Im Vergleich zum lebhaften, fortlaufenden Kreuzreim wirkt abba gesetzter und feierlicher. Das passt zu ernsten, nachdenklichen Themen.
  • Spannungsbogen: Weil der a-Reim so lange offenbleibt, bekommt der letzte Vers besonderes Gewicht – oft steht dort eine Pointe oder ein Fazit.
  • Kern und Rahmen: Inhaltlich können Vers 1 und 4 einen Rahmen bilden, während die Verse 2 und 3 den Kern oder einen Gegensatz enthalten.
  • Verbindung von Strophen: Werden die Reime wie bei Gryphius in der nächsten Strophe wiederholt (abba abba), wirken beide Strophen eng zusammengehörig.
Wichtig: Die Wirkung eines Reimschemas entsteht immer im Zusammenspiel mit dem Inhalt. Bei Gryphius steht die strenge, geschlossene Form im Gegensatz zum Inhalt: Alles Irdische vergeht – nur die Form bleibt fest. Solche Beobachtungen machen eine Analyse stark.

So bestimmst du den umarmenden Reim in einer Gedichtanalyse

  1. Endwörter markieren: Schreib das letzte Wort jedes Verses heraus.
  2. Buchstaben vergeben: Das erste Endwort bekommt a. Reimt sich ein späteres darauf, bekommt es auch a; ein neuer Klang bekommt den nächsten Buchstaben.
  3. Muster erkennen: Steht das Muster abba (oder cddc, effe …) da, liegt ein umarmender Reim vor.
  4. Reinheit prüfen: Reime wie „Zweigen – steigen“ sind rein. Bei unreinen Reimen (z. B. „Herz – Schmerz“ ist rein, „Glück – zurück“ auch, aber „Freude – heute“ unrein) erwähne das kurz.
  5. Wirkung deuten: Verbinde das Reimschema mit Inhalt und Stimmung des Gedichts.
Musterformulierung für die AnalyseDie beiden Quartette des Sonetts weisen jeweils einen umarmenden Reim auf; da die Reimklänge übernommen werden, ergibt sich das Schema abba abba. Die geschlossene, streng geordnete Form steht in auffälligem Kontrast zum Inhalt, der die Vergänglichkeit aller menschlichen Werke betont. Gerade dadurch wirkt die Aussage, dass nichts auf Erden Bestand hat, besonders eindringlich.
Typische Fehler

  • abba mit abab verwechseln – sprich die Endwörter laut und zähle genau.
  • Die Buchstaben in der zweiten Strophe neu bei a beginnen, obwohl neue Reime kommen. Neue Reimklänge bekommen neue Buchstaben (abba cddc).
  • Nur das Schema nennen: Ein Reimschema ohne Deutung bringt in der Analyse kaum Punkte.

Häufige Fragen

Welche Reimschemata gibt es noch?
Paarreim (aabb), Kreuzreim (abab), umarmender Reim (abba), Schweifreim (aabccb) und Kettenreim (aba bcb cdc). Daneben gibt es Waisen, also Verse ohne Reimpartner.
Heißt es umarmender oder umschließender Reim?
Beides ist richtig und meint dasselbe. Manchmal liest du auch „Blockreim“ oder „umfassender Reim“.
Muss eine Strophe vier Verse haben?
Meistens ja. Der umarmende Reim ist eine Vierergruppe; er kann aber auch innerhalb längerer Strophen auftreten.
Hat der umarmende Reim immer eine feste Wirkung?
Nein. Geschlossenheit und Ruhe sind typische Wirkungen, aber du musst sie immer am konkreten Gedicht begründen.
In welchen Gedichtformen kommt er vor?
Vor allem im Sonett (Quartette abba abba), außerdem in vielen Gedichten mit vierzeiligen Strophen aus Barock, Klassik und Romantik.

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