Was ist ein Parallelgedicht? Anleitung mit Beispiel

Aktualisiert: Oktober 2026 · Fach: Deutsch

Kurz erklärt

  • Ein Parallelgedicht ist ein eigenes Gedicht, das sich eng an ein Vorlagegedicht anlehnt: gleiche Form, ähnlicher Satzbau, aber neues Thema oder neue Sichtweise.
  • Übernommen werden vor allem Strophenzahl, Verszahl, Reimschema, Metrum und auffällige Stilmittel.
  • Verändert werden Inhalt, Situation, Stimmung oder Haltung – oft ins Gegenteil.
  • Die Aufgabe prüft, ob du die Vorlage wirklich verstanden hast. Deshalb kommt zum Gedicht meist eine kurze Erläuterung deiner Entscheidungen.

„Schreibe ein Parallelgedicht“ ist eine typische Aufgabe zum kreativen Schreiben im Deutschunterricht. Sie klingt schwer, ist aber mit einem klaren Plan gut machbar. Hier bekommst du eine Schritt-für-Schritt-Anleitung und ein vollständiges Beispiel mit Erläuterung.

Was ist ein Parallelgedicht?

Ein Parallelgedicht läuft „parallel“ zu einem Original: Es nimmt dessen Bauplan und füllt ihn mit neuem Inhalt. Wer beide Gedichte nebeneinanderlegt, erkennt die Vorlage sofort wieder. Ein Parallelgedicht ist also keine Kopie, sondern eine bewusste Variation. Es ist eng verwandt mit der Parodie (die das Original verspottet) und der Kontrafaktur (die einen Text mit neuem, oft gegenteiligem Inhalt füllt). Ein Parallelgedicht muss aber nicht lustig oder spöttisch sein.

Was wird übernommen, was verändert?

Übernehmen Verändern
Anzahl der Strophen und Verse Thema oder Situation
Metrum und Rhythmus (möglichst) Stimmung (z. B. ruhig → hektisch)
Reimschema Ort, Zeit, Figuren
Satzbau und Satzanfänge Haltung des lyrischen Ichs
typische Stilmittel (Anapher, Enjambement …) Bildbereiche (z. B. Natur → Stadt)
manchmal einzelne Schlüsselwörter Aussage oder Pointe am Schluss

Anleitung: Parallelgedicht schreiben in 6 Schritten

  1. Original verstehen: Lies das Gedicht mehrmals. Worum geht es, wie ist die Stimmung, was ist die Aussage?
  2. Bauplan notieren: Zähle Strophen und Verse, bestimme das Reimschema (z. B. Kreuzreim oder umarmender Reim), das Metrum und auffällige Stilmittel. Schreibe hinter jeden Vers den Reimbuchstaben.
  3. Neue Idee wählen: Lege fest, was sich ändern soll. Bewährt ist ein Gegensatz: Natur statt Stadt, Winter statt Sommer, Freude statt Trauer, heute statt früher.
  4. Wortfeld sammeln: Sammle Wörter, Bilder und Reimpaare zu deinem neuen Thema.
  5. Vers für Vers schreiben: Ersetze das Original Zeile für Zeile. Behalte Satzbau und Länge der Verse bei. Lies jeden Vers laut, um den Rhythmus zu prüfen.
  6. Überarbeiten und erläutern: Vergleiche beide Gedichte. Erkläre in wenigen Sätzen, was du übernommen und was du verändert hast – und warum.

Vollständiges Beispiel

Als Vorlage nehmen wir eines der bekanntesten deutschen Gedichte: Goethes „Wanderers Nachtlied II“ (1780). Es ist kurz und hat ein ungewöhnliches, aber klares Reimschema.

Original: Goethe (1780)Parallelgedicht: GroßstadtnachtliedÜber allen GipfelnIst Ruh,In allen WipfelnSpürest duKaum einen Hauch;Die Vögelein schweigen im Walde.Warte nur, baldeRuhest du auch.Über allen GassenIst Krach,Auf allen TerrassenBleibst du wachNoch spät bei Licht;Die Handys leuchten im Zimmer.Warte nur, schlimmerWird’s nicht.ababcddcababcddc
Infografik: Das Parallelgedicht übernimmt Versanzahl, Verslänge, Satzbau und Reimschema (abab cddc). Nur Ort, Bilder und Stimmung sind neu.
Beispiel: Erläuterung zum Parallelgedicht

Mein Parallelgedicht „Großstadtnachtlied“ übernimmt den Bauplan von Goethes „Wanderers Nachtlied“: acht kurze Verse, das Reimschema abab cddc und den Satzbau mit der Anapher „Über allen … / In allen …“, die ich zu „Auf allen“ abgewandelt habe. Auch die direkte Anrede „du“ und die Aufforderung „Warte nur“ habe ich beibehalten, damit man die Vorlage wiedererkennt.

Verändert habe ich den Ort und die Stimmung. Bei Goethe herrscht in der Natur am Abend vollkommene Stille; das lyrische Ich sehnt sich nach Ruhe, die am Ende vielleicht sogar den Tod andeutet. In meinem Gedicht befindet sich das Du in einer lauten Stadt, in der es nachts nicht zur Ruhe kommt. Statt der schweigenden Vögel „leuchten“ die Handys. Der Schluss ist ironisch: Wo Goethe Ruhe verspricht, kündigt mein Gedicht nur an, dass es „nicht schlimmer“ wird. So wird deutlich, wie fremd uns die Stille aus dem Original heute oft geworden ist.

Tipp: Ein Parallelgedicht wirkt am stärksten, wenn die Veränderung etwas über das Original aussagt. Ein Kontrast (Natur – Stadt, früher – heute) macht die Besonderheit der Vorlage sichtbar.

Typische Bewertungskriterien

  • Die Vorlage ist am Bauplan klar zu erkennen.
  • Strophen-, Verszahl und Reimschema stimmen.
  • Der Rhythmus passt ungefähr zum Original.
  • Es gibt eine erkennbare neue Idee (Thema, Sichtweise, Stimmung).
  • Wichtige Stilmittel des Originals sind übernommen oder bewusst abgewandelt.
  • Die Erläuterung begründet die Entscheidungen mit Bezug auf das Original.
Typische Fehler: Zu viele Wörter wörtlich übernehmen (dann ist es nur eine Abschrift) · den Reim erzwingen und dabei unsinnige Sätze bauen · ein völlig anderes Gedicht schreiben, bei dem die Vorlage nicht mehr erkennbar ist · die Erläuterung vergessen.

Bevor du schreibst, solltest du das Original gründlich untersucht haben. Wie das geht, erfährst du in der Anleitung Eine gute Gedichtanalyse schreiben. Hilfreich sind auch die Erklärungen zum Enjambement und zur Sprechhaltung des lyrischen Ichs.

Häufige Fragen

Muss sich ein Parallelgedicht reimen?
Nur wenn sich das Original reimt. Ist die Vorlage reimlos (wie viele moderne Gedichte), bleibt auch dein Parallelgedicht reimlos – dann sind Satzbau und Verslänge besonders wichtig.
Darf ich das Thema behalten?
Ja, aber dann muss sich etwas anderes ändern, zum Beispiel die Sichtweise oder die Stimmung. Ein Herbstgedicht kann ein Herbstgedicht bleiben, wenn der Herbst bei dir trostlos statt golden ist.
Wie lang muss die Erläuterung sein?
Meist reichen 6 bis 10 Sätze. Nenne, was du übernommen hast, was du verändert hast und welche Wirkung du damit erreichen wolltest.
Was ist der Unterschied zur Parodie?
Eine Parodie macht sich über das Original lustig. Ein Parallelgedicht kann ernst, traurig oder witzig sein – es übernimmt nur den Bauplan.

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