- Ein Parallelgedicht ist ein eigenes Gedicht, das sich eng an ein Vorlagegedicht anlehnt: gleiche Form, ähnlicher Satzbau, aber neues Thema oder neue Sichtweise.
- Übernommen werden vor allem Strophenzahl, Verszahl, Reimschema, Metrum und auffällige Stilmittel.
- Verändert werden Inhalt, Situation, Stimmung oder Haltung – oft ins Gegenteil.
- Die Aufgabe prüft, ob du die Vorlage wirklich verstanden hast. Deshalb kommt zum Gedicht meist eine kurze Erläuterung deiner Entscheidungen.
„Schreibe ein Parallelgedicht“ ist eine typische Aufgabe zum kreativen Schreiben im Deutschunterricht. Sie klingt schwer, ist aber mit einem klaren Plan gut machbar. Hier bekommst du eine Schritt-für-Schritt-Anleitung und ein vollständiges Beispiel mit Erläuterung.
Was ist ein Parallelgedicht?
Ein Parallelgedicht läuft „parallel“ zu einem Original: Es nimmt dessen Bauplan und füllt ihn mit neuem Inhalt. Wer beide Gedichte nebeneinanderlegt, erkennt die Vorlage sofort wieder. Ein Parallelgedicht ist also keine Kopie, sondern eine bewusste Variation. Es ist eng verwandt mit der Parodie (die das Original verspottet) und der Kontrafaktur (die einen Text mit neuem, oft gegenteiligem Inhalt füllt). Ein Parallelgedicht muss aber nicht lustig oder spöttisch sein.
Was wird übernommen, was verändert?
| Übernehmen | Verändern |
|---|---|
| Anzahl der Strophen und Verse | Thema oder Situation |
| Metrum und Rhythmus (möglichst) | Stimmung (z. B. ruhig → hektisch) |
| Reimschema | Ort, Zeit, Figuren |
| Satzbau und Satzanfänge | Haltung des lyrischen Ichs |
| typische Stilmittel (Anapher, Enjambement …) | Bildbereiche (z. B. Natur → Stadt) |
| manchmal einzelne Schlüsselwörter | Aussage oder Pointe am Schluss |
Anleitung: Parallelgedicht schreiben in 6 Schritten
- Original verstehen: Lies das Gedicht mehrmals. Worum geht es, wie ist die Stimmung, was ist die Aussage?
- Bauplan notieren: Zähle Strophen und Verse, bestimme das Reimschema (z. B. Kreuzreim oder umarmender Reim), das Metrum und auffällige Stilmittel. Schreibe hinter jeden Vers den Reimbuchstaben.
- Neue Idee wählen: Lege fest, was sich ändern soll. Bewährt ist ein Gegensatz: Natur statt Stadt, Winter statt Sommer, Freude statt Trauer, heute statt früher.
- Wortfeld sammeln: Sammle Wörter, Bilder und Reimpaare zu deinem neuen Thema.
- Vers für Vers schreiben: Ersetze das Original Zeile für Zeile. Behalte Satzbau und Länge der Verse bei. Lies jeden Vers laut, um den Rhythmus zu prüfen.
- Überarbeiten und erläutern: Vergleiche beide Gedichte. Erkläre in wenigen Sätzen, was du übernommen und was du verändert hast – und warum.
Vollständiges Beispiel
Als Vorlage nehmen wir eines der bekanntesten deutschen Gedichte: Goethes „Wanderers Nachtlied II“ (1780). Es ist kurz und hat ein ungewöhnliches, aber klares Reimschema.
Mein Parallelgedicht „Großstadtnachtlied“ übernimmt den Bauplan von Goethes „Wanderers Nachtlied“: acht kurze Verse, das Reimschema abab cddc und den Satzbau mit der Anapher „Über allen … / In allen …“, die ich zu „Auf allen“ abgewandelt habe. Auch die direkte Anrede „du“ und die Aufforderung „Warte nur“ habe ich beibehalten, damit man die Vorlage wiedererkennt.
Verändert habe ich den Ort und die Stimmung. Bei Goethe herrscht in der Natur am Abend vollkommene Stille; das lyrische Ich sehnt sich nach Ruhe, die am Ende vielleicht sogar den Tod andeutet. In meinem Gedicht befindet sich das Du in einer lauten Stadt, in der es nachts nicht zur Ruhe kommt. Statt der schweigenden Vögel „leuchten“ die Handys. Der Schluss ist ironisch: Wo Goethe Ruhe verspricht, kündigt mein Gedicht nur an, dass es „nicht schlimmer“ wird. So wird deutlich, wie fremd uns die Stille aus dem Original heute oft geworden ist.
Typische Bewertungskriterien
- Die Vorlage ist am Bauplan klar zu erkennen.
- Strophen-, Verszahl und Reimschema stimmen.
- Der Rhythmus passt ungefähr zum Original.
- Es gibt eine erkennbare neue Idee (Thema, Sichtweise, Stimmung).
- Wichtige Stilmittel des Originals sind übernommen oder bewusst abgewandelt.
- Die Erläuterung begründet die Entscheidungen mit Bezug auf das Original.
Bevor du schreibst, solltest du das Original gründlich untersucht haben. Wie das geht, erfährst du in der Anleitung Eine gute Gedichtanalyse schreiben. Hilfreich sind auch die Erklärungen zum Enjambement und zur Sprechhaltung des lyrischen Ichs.





