Sturm und Drang und Empfindsamkeit: die Unterschiede (plus Vergleich mit der Romantik)

Aktualisiert: Oktober 2026 · Fach: Deutsch

Kurz erklärt

  • Die Empfindsamkeit (etwa 1740–1790) ist eine Strömung innerhalb der Aufklärung: Gefühl, Mitleid, Tugend und Freundschaft werden gepflegt – sanft, nach innen gerichtet und mit der Vernunft vereinbar.
  • Der Sturm und Drang (etwa 1767–1785) radikalisiert das Gefühl: Leidenschaft, Genie, Freiheit und Rebellion gegen Regeln und Ständeordnung.
  • Gemeinsam ist beiden die Aufwertung des Herzens gegenüber dem reinen Verstand. Der Unterschied liegt in der Richtung: Die Empfindsamkeit fühlt still und tugendhaft, der Sturm und Drang fühlt laut, stürmisch und gegen die Gesellschaft.
  • Die Romantik (etwa 1795–1835) kommt später und richtet das Gefühl auf Sehnsucht, Traum, Nacht und das Unendliche.

In vielen Klausuren musst du ein Gedicht oder einen Textauszug einer Epoche zuordnen. Bei Texten aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist die Unterscheidung zwischen Empfindsamkeit und Sturm und Drang oft die schwierigste, weil in beiden viel geweint, geliebt und geschwärmt wird. Dieser Artikel zeigt dir, woran du die beiden Strömungen sicher auseinanderhältst, und grenzt sie zusätzlich von der Romantik ab, mit der sie häufig verwechselt werden.

Aufklärung 1720–1800Empfindsamkeit 1740–1790Sturm und Drang 1767–1785Weimarer Klassik 1786–1805Romantik 1795–18351720174017601780180018201840„Messias“ 1748„Werther“ 1774„Ofterdingen“ 1802
Infografik: Die Empfindsamkeit läuft parallel zur Aufklärung, der Sturm und Drang bricht mitten in ihr auf. Die Romantik beginnt erst, als beide vorbei sind. Markiert sind Klopstocks „Messias“ (Beginn der Veröffentlichung), Goethes „Werther“ und Novalis’ „Heinrich von Ofterdingen“. Die Jahreszahlen sind Richtwerte.

Was ist die Empfindsamkeit?

Die Empfindsamkeit ist keine Gegenbewegung zur Aufklärung, sondern eine Ergänzung. Die Aufklärung stellt die Vernunft in den Mittelpunkt. Die Empfindsamen sagen: Ein guter Mensch braucht auch ein fühlendes Herz. Gefühle wie Mitleid, Rührung, Freundschaft und Liebe gelten als Zeichen von Tugend. Wer weinen kann, beweist ein gutes Herz.

Wichtige Wurzeln sind der Pietismus, eine protestantische Frömmigkeitsbewegung, die das persönliche, innige Verhältnis zu Gott betonte, und englische Romane wie die von Samuel Richardson. Der Name geht auf Laurence Sternes Roman „A Sentimental Journey“ (1768) zurück, der auf Deutsch als „Empfindsame Reise“ erschien. Lessing hatte dem Übersetzer das Wort „empfindsam“ vorgeschlagen.

Merkmale der Empfindsamkeit

  • Innerlichkeit: Selbstbeobachtung, Gefühle werden genau beschrieben und geteilt.
  • Tugend und Moral: Gefühl und Vernunft sollen im Einklang stehen. Es geht um den guten, mitfühlenden Menschen.
  • Freundschaftskult: innige Briefwechsel, Freundschaftsbünde, schwärmerische Anreden.
  • Natur als Spiegel der Seele: Mondnacht, Abend, stille Landschaft, Grab und Friedhof.
  • Religiöse Ergriffenheit: Staunen über Gottes Schöpfung.
  • Formen: Briefroman, Ode, Elegie, Idylle, Lied.

Wichtige Autoren und Werke

  • Friedrich Gottlieb Klopstock: „Der Messias“ (ab 1748), Oden wie „Die Frühlingsfeier“
  • Christian Fürchtegott Gellert: „Leben der schwedischen Gräfin von G***“ (1747/48)
  • Sophie von La Roche: „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ (1771)
  • Matthias Claudius: „Abendlied“ (1779)
  • der „Göttinger Hainbund“ (ab 1772), etwa Ludwig Hölty und Johann Heinrich Voß
Beispiel: Matthias Claudius, „Abendlied“ (1779), 1. Strophe

Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

Typisch empfindsam: eine stille Abendlandschaft, ruhige Stimmung, regelmäßige Strophenform. Im weiteren Gedicht führt die Naturbetrachtung zu Demut und Gottvertrauen. Das Gefühl ist sanft und fromm, nicht rebellisch.

Was ist der Sturm und Drang?

Der Sturm und Drang ist eine Jugendbewegung: Seine Autoren waren meist Anfang zwanzig. Benannt ist er nach dem Drama „Sturm und Drang“ von Friedrich Maximilian Klinger (1776). Die jungen Dichter fanden die Aufklärung zu kühl und zu regelhaft und die Empfindsamkeit zu brav. Sie wollten Leidenschaft, Freiheit und echte, ungebremste Gefühle.

Merkmale des Sturm und Drang

  • Geniekult: Der Künstler ist ein „Originalgenie“, das aus sich selbst schöpft und keine Regeln braucht. Großes Vorbild ist Shakespeare.
  • Gefühl als Kraft: Leidenschaft, Liebe, Wut und Verzweiflung bis zum Äußersten.
  • Rebellion: Auflehnung gegen den Adel, gegen Fürstenwillkür, gegen Väter und starre Konventionen.
  • Natur als lebendige Kraft: Gewitter, Sturm, Gebirge, die „Natur“ des Menschen gegen die künstliche Gesellschaft.
  • Freiheit und Selbstbestimmung: Der Einzelne will sich selbst verwirklichen.
  • Sprache: Ausrufe, Gedankenstriche, abgebrochene Sätze, Kraftausdrücke, Prosa statt Vers im Drama.

Wichtige Autoren und Werke

  • Johann Gottfried Herder: theoretischer Vordenker (Volkslied, Shakespeare-Aufsatz)
  • Johann Wolfgang Goethe: „Götz von Berlichingen“ (1773), „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774), „Prometheus“, „Willkommen und Abschied“
  • Friedrich Schiller: „Die Räuber“ (1781), „Kabale und Liebe“ (1784)
  • Jakob Michael Reinhold Lenz: „Der Hofmeister“ (1774), „Die Soldaten“ (1776)
  • Gottfried August Bürger: Ballade „Lenore“ (1773)
Beispiel: Goethe, „Willkommen und Abschied“, Beginn

Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!
Es war getan fast eh gedacht.

Typisch Sturm und Drang: Das lyrische Ich handelt spontan aus dem Gefühl heraus, noch bevor der Verstand eingreift. Ausrufezeichen und Tempo zeigen die Wucht der Empfindung. Im weiteren Verlauf erscheint die nächtliche Natur bedrohlich und lebendig, als Spiegel der stürmischen Leidenschaft.

Die Unterschiede auf einen Blick

Merkmal Empfindsamkeit Sturm und Drang
Zeit etwa 1740–1790 etwa 1767–1785
Verhältnis zur Aufklärung Ergänzung, Teil der Aufklärung Protest gegen ihre Regeln und ihre Kühle
Gefühl sanft, rührend, nach innen leidenschaftlich, stürmisch, nach außen
Gefühl und Vernunft sollen harmonieren Gefühl steht über der Vernunft
Menschenbild tugendhafter, mitfühlender Mensch Genie, Kraftmensch, Rebell
Natur still, lieblich, Ort der Andacht gewaltig, lebendig, Ausdruck von Kraft
Gesellschaft Rückzug ins Private und in den Freundeskreis offene Kritik an Adel und Ständeordnung
Religion fromm, Gottvertrauen oft Auflehnung, etwa gegen Götter („Prometheus“)
Sprache gefühlvoll, aber geordnet Ausrufe, Brüche, Kraftausdrücke
typische Gattungen Ode, Lied, Briefroman, Idylle Drama, Ballade, Erlebnislyrik, Briefroman

Gemeinsamkeiten

  • Beide werten das Gefühl gegenüber dem reinen Verstand auf.
  • Beide schätzen die Natur und das Subjekt, also das eigene Erleben.
  • Beide nutzen den Briefroman, weil er Gefühle unmittelbar zeigen kann.
  • Viele Sturm-und-Drang-Autoren sind mit der Empfindsamkeit aufgewachsen und haben ihre Gefühlssprache übernommen.
Merke: Der „Werther“ ist das beste Beispiel für den Übergang. Werther und Lotte erleben gemeinsam ein Gewitter, und Lotte sagt nur „Klopstock!“ – beide denken an dieselbe empfindsame Ode und fühlen sich seelenverwandt. Werthers maßloses Gefühl, sein Bruch mit der Gesellschaft und sein Selbstmord gehen aber weit über die Empfindsamkeit hinaus. Deshalb gilt der Roman als Hauptwerk des Sturm und Drang.

Abgrenzung zur Romantik

Die Romantik wird oft mit beiden Strömungen verwechselt, weil auch hier Gefühl und Natur wichtig sind. Sie beginnt aber erst um 1795, also nach Sturm und Drang und parallel zur Weimarer Klassik. Ihr Gefühl ist die Sehnsucht: nach dem Unendlichen, nach der Vergangenheit (Mittelalter), nach der Ferne, nach dem Traum. Symbole sind die „blaue Blume“ aus Novalis’ „Heinrich von Ofterdingen“, die Nacht und der Mond. Wichtige Autoren sind Novalis, Ludwig Tieck, Clemens Brentano, die Brüder Grimm, E. T. A. Hoffmann und Joseph von Eichendorff.

Frage Empfindsamkeit Sturm und Drang Romantik
Wohin richtet sich das Gefühl? auf Tugend, Freundschaft, Gott auf Freiheit und Leidenschaft auf Sehnsucht, Ferne, Unendliches
Rolle der Natur stiller Andachtsort Kraft und Spiegel der Leidenschaft geheimnisvoll, beseelt, Tor zum Übersinnlichen
Haltung zur Wirklichkeit Rückzug ins Private Kampf gegen Missstände Flucht in Traum, Märchen, Vergangenheit
typisches Werk Claudius: „Abendlied“ Goethe: „Werther“ Eichendorff: „Mondnacht“
Typische Fehler

  • Goethe pauschal der Romantik zuordnen: Goethe gehört zu Sturm und Drang und Klassik, nicht zur Romantik – auch wenn manche Gedichte romantische Motive haben.
  • Jedes gefühlvolle Gedicht dem Sturm und Drang zuordnen: Prüfe, ob das Gefühl rebellisch und stürmisch oder still und fromm ist.
  • Die Empfindsamkeit als Gegenbewegung zur Aufklärung bezeichnen: Sie ist eine Strömung innerhalb der Aufklärung.

So ordnest du einen Text zu: Schritt für Schritt

  1. Entstehungsjahr prüfen: Vor 1765 kommt eher Aufklärung oder Empfindsamkeit in Frage, zwischen 1767 und 1785 auch Sturm und Drang, ab 1795 Romantik.
  2. Art des Gefühls bestimmen: sanft und tugendhaft oder stürmisch und rebellisch oder sehnsuchtsvoll und träumerisch?
  3. Naturdarstellung untersuchen: lieblich und still, gewaltig und lebendig oder geheimnisvoll und nächtlich?
  4. Verhältnis zu Gesellschaft und Religion prüfen: Rückzug, Protest oder Flucht?
  5. Sprache beachten: geordnet oder voller Ausrufe und Brüche?
  6. Zuordnung begründen und mit zwei bis drei Textbelegen absichern.
Mustertext: Epochenvergleich

Sowohl Matthias Claudius’ „Abendlied“ (1779) als auch Goethes „Willkommen und Abschied“ stellen das Gefühl des lyrischen Ichs und eine abendliche bzw. nächtliche Natur in den Mittelpunkt. Dennoch gehören sie unterschiedlichen Strömungen an.

Claudius’ Gedicht ist der Empfindsamkeit zuzuordnen. Die Natur erscheint still und friedlich („Der Wald steht schwarz und schweiget“), die regelmäßige Strophenform unterstreicht die ruhige Stimmung. Die Betrachtung der Natur führt zu Demut und frommem Vertrauen auf Gott. Das Gefühl ist sanft und mit der Vernunft und der christlichen Moral vereinbar.

Goethes Gedicht dagegen trägt typische Züge des Sturm und Drang. Schon der erste Vers „Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!“ zeigt ein lyrisches Ich, das spontan seinem Gefühl folgt. Die Natur wirkt bedrohlich und lebendig und spiegelt die stürmische Leidenschaft. Während Claudius das Gefühl nach innen und zu Gott lenkt, drängt es bei Goethe nach außen in die Tat. Damit wird deutlich, dass der Sturm und Drang die Gefühlskultur der Empfindsamkeit aufnimmt, sie aber radikalisiert.

Mehr zu den anderen Epochen findest du im Überblick aller Literaturepochen. Wie du ein Gedicht vollständig analysierst, zeigt dir die Anleitung zur guten Gedichtanalyse. Für romantische Gedichte gibt es eine eigene Anleitung: Romantik-Gedichte analysieren.

Ist die Empfindsamkeit eine eigene Epoche?
Meist wird sie als Strömung innerhalb der Aufklärung behandelt, manchmal auch als eigene Epoche. In der Schule ist beides üblich. Wichtig ist, dass du erklärst, dass sie die Aufklärung um das Gefühl ergänzt und ihr nicht widerspricht.
Ist der Werther Empfindsamkeit oder Sturm und Drang?
Er gilt als Hauptwerk des Sturm und Drang, enthält aber viele empfindsame Elemente wie den Briefroman, die Naturschwärmerei und den Bezug auf Klopstock. Die Maßlosigkeit von Werthers Gefühl und seine Gesellschaftskritik gehen über die Empfindsamkeit hinaus.
Woher kommt der Name „Sturm und Drang“?
Von Friedrich Maximilian Klingers Drama „Sturm und Drang“ aus dem Jahr 1776. Ursprünglich sollte es „Wirrwarr“ heißen. Der Titel wurde erst später auf die ganze Bewegung übertragen.
Was kam nach dem Sturm und Drang?
Die Weimarer Klassik. Goethe und Schiller, die beide im Sturm und Drang begonnen hatten, suchten nun nach Harmonie, Maß und dem Ideal der Humanität. Gleichzeitig entwickelte sich ab etwa 1795 die Romantik.
Gehört Hölderlin zur Romantik?
Nicht eindeutig. Friedrich Hölderlin steht zwischen Klassik und Romantik und wird oft keiner der beiden Epochen fest zugerechnet.

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2 Kommentare

  1. Romantik und Empfindsamkeit sind zwei völlig unterschiedliche literaturepochen, und absolut nicht gleichzusetzen. Die Empfindsamkeit ist eine Erweiterung des aufklärerischen Gedankens um die Gefühlswelt.
    In der Romantik hingegen geht es um das Sprengen der Grenzen des Verstandes, Wirklichkeit und Traum werden gleichgestellt.
    Dieser Artikel ist damit einfach nur Schwachsinn und für Leute, die sich wirklich über dieses Thema informieren wollen einfach nur irreführend.
    Am besten sollte er gelöscht werden.

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