Beim Erfassen und Verstehen von Texten können unterschiedliche Techniken des Lesens eingesetzt werden. Sie kennen vermutlich alle die Ausdrücke „selektives“ und „kursorisches Lesen“. Abgesehen von diesen beiden werden auch noch andere Lesepraktiken voneinander abgegrenzt. Im Folgenden werden zunächst vier grundsätzliche und sodann sieben spezielle Formen des Lesens vorgestellt und kurz erläutert. Alle diese Formen spielen beim wissenschaftlichen Arbeiten eine Rolle.

1. Orientierendes oder überfliegendes Lesen

Die Bezeichnung verrät bereits, was das Charakteristikum dieser Art des Lesens ist. Ein Text wird auf Inhaltsangaben, auf Überschriften, auf Zwischenüberschriften, auf herausstechende Sätze oder auch auf symbolische Darstellungen hin untersucht. Es kommt nicht dazu, dass ein Kapitel oder ein Absatz von Anfang bis Ende gelesen werden. Vielmehr geht es darum, einen Überblick zu gewinnen.

2. Lesen auf kursorische Art

Auch hier ist keineswegs intendiert, einen Text von Anfang bis Ende zu lesen. Das Ziel besteht darin, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu erfassen. Im Unterschied zum orientierenden Lesen wird aber auf mehr als nur auf Überschriften und auf einzelne hervorgehobene und hervorstechende Passagen geachtet. In der englischen Sprache wird in Zusammenhang mit dieser Technik der Ausdruck „skimming“ verwendet. Das bedeutet „auslesen“ oder „absahnen“. Es wird das ausgewählt, worauf sich leicht zugreifen und was sich rasch erarbeiten lässt. Der Blick verweilt da oder dort und eilt dann weiter. Oft wird auf Schlag- und Schlüsselwörter geachtet, um herauszufinden, ob sich das gründliche Durchlesen eines Textabschnittes lohnt.

3. Statarisches oder vollständiges Lesen

Ein Text wird von Anfang bis Ende durchgelesen. Statarisch kommt vom lateinischen „statarius“, was übersetzt so viel bedeutet wie „im Stehen geschehend“, „langsam fortschreitend“ oder „verweilend“. Wer einen Text in statarischer Weise liest, geht ihn ausführlich durch. Für gewöhnlich wird der Lesevorgang mehrmals unterbrochen.

4. Studierendes Lesen oder Lernen

Hier wird noch gründlicher gelesen als beim vollständigen Lesen. Absicht ist es, sich einen Text bestmöglich zu merken. Im Grunde genommen handelt es sich bei dieser Technik des Lesens um Lernen. Wer lernt, versucht, den Inhalt des Gelesenen zu verstehen, um ihn sich besser merken zu können. Dabei werden Textpassagen miteinander in Beziehung gesetzt, beim Lesen und Lernen wird hin und her geblättert. Gründliches Lernen geschieht oft mit Hilfe von Notizen am Textrand oder mittels Exzerpten. Wer exzerpiert, hält den gelesenen Inhalt kurz und in eigenen Worten fest.

5. Lesen auf selektive Art

Ein Text wird nicht vollständig gelesen, sondern lediglich einzelne Kapitel oder Absätze. Der Leser sucht nach den für ihn wichtigen Informationen. Selektives Lesen baut häufig auf dem orientierenden Lesen auf. Wer selektiv liest, kann auch die ausgewählten Textteile sorgfältig studieren und sich den Inhalt erarbeiten.

6. Gustierendes Lesen oder Probelesen

Wer wissen will, ob ein Text interessant, unterhaltsam oder verständlich ist, greift zu dieser Lesetechnik. Dabei wird das Buch auf einer beliebigen Seite aufgeschlagen und der auf der Seite und auf der Folgeseite befindliche Text wird gründlich und vollständig gelesen.

7. Scannendes oder suchendes Lesen

Diese Variante weist Ähnlichkeiten mit dem selektiven Lesen auf. Ein Beispiel für diese Art des Lesens stellt die Lektüre eines Beipackzettels dar. Er wird selten zur Gänze gelesen, in der Regel wird nach einer speziellen Information gesucht. Im Kontext des wissenschaftlichen Arbeitens kommt das suchende Lesen dann zum Einsatz, wenn etwa nach einem Fachterminus, nach einer Definition oder nach einer statistischen Darstellung gesucht wird. Zum suchenden Lesen zählt auch die wiederholte Lektüre eines bereits gelesenen Textes, um eine Definition, Erklärung etc. wiederzufinden.

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8. Lesen zum Zweck der Inspiration

Das Lesen zum Zweck der Inspiration („reading for inspiration“) zeichnet sich dadurch aus, dass nicht genau gewusst wird und nicht genau angegeben werden kann, was im Text gesucht und was zu finden gehofft wird. Die Hoffnung kann sich auf einen Einfall beziehen. Die Lektüre kann z.B. zu dem Zweck unternommen werden, sich Anregungen dafür zu holen, wie ein Text aufgebaut werden soll. Die Unbestimmtheit dieser Herangehensweise an einen Text impliziert, dass eine gründliche Lektüre weder angestrebt wird noch sinnvoll ist. Das inspirative Lesen ist sprunghaft.

9. Lesen zum Zweck der Einprägung

Mit dieser Technik ist die Intention verbunden, einen Text im Gedächtnis fest zu verankern. Zu diesem Zweck ist es hilfreich, den Text zu verstehen. Ein Text kann jedoch auch auswendig gelernt werden, wenn er nicht vollständig oder nur ansatzweise verstanden wird. Die Einprägung dient nicht selten dazu, den Textinhalt bei einem bestimmten Anlass zu reproduzieren. Der Anlass kann ein Examen, ein Gedicht zum Muttertag oder eine Rede im Rahmen einer Hochzeit sein.

10. Evaluatives Lesen

Diese Technik zielt auf eine Bewertung und Beurteilung ab. Im Unterscheid zu dem – weiter unten angeführten – Korrekturlesen ist die Aufmerksamkeit beim Lesen in evaluierender Absicht überwiegend auf die inhaltlichen Aspekte eines Textes gerichtet. Unter Betreuerinnen und Betreuern auf der Universität wird diese Technik bevorzugt. Auch bei Textinterpretationen, wie Sie sie aus der Schule kennen, steht die evaluative Dimension im Vordergrund. Wenn Sie einer Lerngruppe beitreten und im Zuge dessen mit einem Kommilitonen oder einer Kommilitonin ein „Peer-Reading-Tandem“ bilden (vgl. F-13), dann werden Sie auch auf diese Technik zurückgreifen.

11. Revision oder Korrekturlesen

Diese Technik dient dem Zweck, stilistische, grammatikalische und orthographische Fehler eines Textes zu entdecken. Hier wird auch auf Flüchtigkeitsfehler, Satzzeichenfehler, Auslassungsfehler und Tippfehler geachtet. Der Text wird genau gelesen und studiert. Es ist eine spezielle Form des vollständigen Lesens, die der Überprüfung der formalen Korrektheit eines Textes dient.

Um Texte gewinnbringend zu lesen und um beim Lesen ökonomisch vorgehen zu können, ist es zunächst wichtig, sich darüber klar zu werden, was das Ziel des Lesens sein soll. Befinden Sie sich noch im Anfangsstadium der Suche nach einem Thema für eine Arbeit, dann empfiehlt sich das inspirative Lesen. Sortieren Sie bereits die zu verwendende und anzuführende Literatur, dann ist orientierendes Lesen angebracht. So können Sie sich schnell und effizient einen Überblick schaffen. Haben Sie hingegen bereits ausreichend Material gesammelt und wollen nun herausfinden, ob ein weiterer Text noch neue und entscheidende Blickwinkel bereithält, dann werden Sie sich für das kursorische oder das selektive Lesen entscheiden. Haben Sie hingegen bereits eine Quelle ausfindig gemacht, die im Zentrum Ihrer Arbeit stehen wird, dann werden Sie die Technik des vollständigen und einprägenden Lesens wählen. Das Korrekturlesen findet dann statt, wenn eine Arbeit so gut wie abgeschlossen ist und keine Veränderungen mehr vorgesehen sind.


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