Beispiel – Kommunikationsanalyse von „Happy End“ – Kurt Marti

1) Einleitungssatz

Die tatsächlich sehr kurze Kurzgeschichte „Happy End“ aus Marti, Kurt: Dorfgeschichten. Darmstadt; Neuwied: Luchterhand 1983, S. 20, von Kurt Marti, der 1921 in Bern das Licht der Welt erblickte, wurde 1960 verfasst und handelt von den Schattenseiten einer langen und alltäglich gewordenen Beziehung eines Ehepaares.
Kurt Marti wird mit seinen Geschichten, die typische Alltagssituationen literarisch aufarbeiten, sehr gerne an den Schulen gelesen. Er war christlich und politisch engagiert sowie lyrisch als auch episch sehr begabt.

2) Situationsanalyse

In „Happy End“ gibt es 2 Personen, die die Handlung bestimmen, es sind ein Mann und eine Frau, die ehelich miteinander verbunden sind und dies schon seit geraumer Zeit, so dass sich die Lieblosigkeit des Alltags bereits eingeschlichen hat.
Im weitesten Sinne handelt es sich bei dem Gespräch der 2 Eheleute um einen Dialog, der zwar nicht wirklich miteinander geführt wird, sondern die trennenden Momente eher betont als die vereinenden.

Die beiden haben sich einen romantischen Liebesfilm angesehen, nach Ende des Films ärgert sich der Ehemann darüber, dass die Frau geweint hat vor Rührseligkeit und er schämt sich dafür. Sie versucht ihr „Heulen“ zu rechtfertigen und verteidigt, ihre Gefühle zur Schau gestellt zu haben.

Aus der Geschichte lässt sich sehr gut erkennen, dass es sich um ein Ehepaar handelt, das seit vielen Jahren zusammen ist und der Alltag mit seiner unschönen Realität die Kommunikation zwischen ihnen bestimmt.
Die sehr kurze Kurzgeschichte „Happy End“ mit nur 200 Wörtern illustriert sehr eindrucksvoll den Verlust romantischer Gefühle in einer langen Paarbeziehung und das Lieblose, das oft in vielen Situationen des Alltags überhandnimmt.

3) Inhaltsangabe

Die Kurzgeschichte startet mit dem Happy End in einem Liebesfilm, den sich ein Ehepaar im Kino angeschaut hat. Der Mann drängt schon zum Ausgang, während seine Frau im Gedränge zuerst hinten bleibt. Er macht auch gar keine Anstalten, auf sie zu warten, sondern geht zornig Richtung Ausgang.

Schließlich holt sie ihn mit ihren kleinen Schritten ein und keucht vor Erschöpfung. Im Gehen teilt er ihr mit, dass er sich für ihr Verhalten, ihre Heulerei bei dem Happy End, geschämt hat und nicht verstehen kann, wie man nur so heulen kann. Er verachtet sie dafür und kann sie mit ihrem Keuchen und in ihrem Fett kaum ertragen.

Die Frau rechtfertigt sich und meint, dass sie bei solchen rührenden Szenen eben weinen müsse, weil sie so schön seien. Er kann ihr nicht folgen, was sie an diesen Liebeskitsch so schön finde und lässt ihr das spüren.
Sie keucht weiterhin, sagt kein Wort, geht neben ihm einher und denkt bei sich, dass er nur ein Klotz in ihrem Leben sei.

4) Gesprächsanalyse

Der Text wurde von Kurt Marti in der auktorialen Erzählperspektive verfasst, der Erzähler weiß bereits alles und vermittelt zwischen den agierenden Personen der Geschichte und dem Leser.

Der hypotaktische Satzbau macht den Text leicht lesbar. Die im Text verwendeten Anaphern vermitteln ein Gefühl der Eindringlichkeit, die Metaphern versuchen zu veranschaulichen und zu dramatisieren. Die negativ gefärbten Eigenschaftswörter, die sich durch den Text schlängeln, vermitteln ein negatives Gesamtbild und eine düstere Stimmung. Das unpersönliche „er“ und „sie“, die Namenslosigkeit, zeigen auf, dass diese Geschichte eine gewisse Allgemeingültigkeit für Beziehungen zwischen Mann und Frau für sich beansprucht.

Der Einstieg sowie der Ausstieg aus der Geschichte erfolgen abrupt, was die typischen Merkmale einer Kurzgeschichte sind. Der Leser weiß nicht sofort, worum es geht, sondern muss sich erst in die Geschichte einlesen, um den Handlungsstrang zu verstehen.

Ein Ehepaar verlässt das Kino nach einem Liebesfilm und der Mann verleiht dem Ärger über die Gefühlsduselei seiner Gattin Ausdruck, die bei den rührseligen Szenen des Films weinen muss. Sie flüchtet sich in Rechtfertigung, wird aber vom Mann nicht verstanden.
Er macht ihr Vorwürfe, die sie zwar zurückweisen will, was ihr jedoch nicht so recht gelingt. Sie glaubt irgendwie, dass er mit seinen Unterstellungen Recht hat und zieht sich in die Rolle der Defensive zurück.

Vorwürfe wechseln mit Rechtfertigungen ab und offenbaren den Konflikt, der zwischen den Eheleuten wahrscheinlich schon länger besteht, der aber erst durch die Romantik des gesehenen Films an die Oberfläche kommt.

Wenn man das Kommunikationsmodell nach Schulz von Thun zu Rate zieht, wo es um den Sender und den Empfänger einer Nachricht geht, lassen sich diese Aspekte erkennen:
Die Kommunikation verläuft ziemlich negativ, was darauf schließen lässt, dass die Beziehung des Paares am Nullpunkt angekommen ist, wofür das Wort „Ende“ stehen könnte. Der Appell des Mannes, ihre Heulerei in der Öffentlichkeit einzuschränken, ist nur ein kleines Zeichen. In Wirklichkeit macht es den Eindruck, als würde er sie gar nicht mehr in ihrem gealterten Zustand wollen. Er bezeichnet sie in seinen Gedanken „Wie sie nur keucht in ihrem Fett“, was Abscheu impliziert. Er hat den Gefallen an ihr verloren, ist mit der aktuellen Situation, die er in seiner Ehe derzeit erlebt, unzufrieden und wurde durch diese romantischen Momente des gemeinsam angesehenen Liebesfilms womöglich noch aufmerksamer auf die Unstimmigkeiten in der Paarbeziehung.

Sie hingegen träumt noch immer von der Liebe, wie sie vielleicht auch bei ihnen in den Anfangsjahren ihrer Beziehung war, und möchte ihn so zurück. Sie sieht aber auch, dass er sie nicht an sich nah heranlässt, und sie sogar zurückstößt.

In Summe reden beide Partner an den Bedürfnissen des anderen vorbei, ihre Liebe, die gewiss einmal war, ist erkaltet und erloschen. Die Beziehung ist an ihrem Ende angelangt und zum Scheitern verurteilt.
Die sprachlichen Bilder in der Kurzgeschichte unterstützen ein düsteres Eheleben in dem die Nacht vorherrscht.

5) Schlussteil

Die Kurzgeschichte „Happy End“ endet nicht mit einem Happy End, sondern in der totalen Entzweiung des Paares.

In der Romantik des Films, den sie sich miteinander angesehen haben, offenbaren sich die Distanzen zwischen ihnen, die sie trennen und die der Beziehung den Todesstoß versetzen. Außerdem verdeutlicht der Text die auseinanderklaffenden Gefühlswelten von Mann und Frau in einer Beziehung, die sich in zahlreichen langen Beziehungen wirklich zutragen.
Vielleicht kann die Geschichte auch anregen, so ein Ende nicht zu wollen und die Schönheit des Partners, in den mal sich ja verliebt hat, nicht außer Acht zu lassen, sondern in seiner Erinnerung zu speichern und den Glanz der alten Zeiten, die sicher schön waren, nicht aus den Augen zu verlieren.

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Autor(in) des Artikels:

mm
Hat Wirtschaftswissenschaften an der Universität Kassel studiert. Einzelunternehmer seit Mai 2006 & Chefredakteur von Uni-24.de

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