Detlev von Liliencron: Herbst – Interpretationsansatz

Das Gedicht Herbst von Detlev von Liliencron (1844-1909) ist aus drei Strophen mit je vier Versen aufgebaut. Während zwar einige dreisilbige Wörter vorkommen, wie „Winterflucht“, „Gartenmauer“ und „Unbewegt“, so dominieren deutlich einsilbige und zweisilbige Wörter. Keine der Strophen ist dabei deutlich länger als die andere, das Gedicht wirkt austariert und harmonisch.

Spannungsreicher Beginn

Mit dem schlichten Titel „Herbst“ gibt das Gedicht einen assoziativ weiten Raum vor, auf den sich der Leser vorbereiten kann. Gedanken über den Herbst gehören zu einem Bereich der Lyrik, die als Naturlyrik bezeichnet wird und darum dreht sich auch der Text von Liliencron.

Er baut im ersten Satz eine Spannung auf, erweckt das Bild von blühenden Blumen und die Erwartung einer Vorzeitigkeit. Dies zeigt sich im Wort „schon“. Die Astern blühen eben schon im Garten. Das zeigt an, dass etwas da ist, was als früh empfunden wird. Das Semikolon, der diese Zeile vom Rest des Gedichtes trennt, setzt hier eine klare Abgrenzung zwischen der ersten Zeile und den übrigen Versen.

Es ist die einzige Zeile im Gedicht, die so getrennt wird. Nach diesem positiven Beginn dominieren nämlich eher negativ konnotierte Worte. „Tod“, „Frostes Henkerbeil“, „zittern“ „dunkelt“, „Trauer“, „Welke“, sind Beispiele dafür. Semantisch passen diese Worte in ein Feld, das sich mit Tod und Trauer beschäftigt.

Diese Vokabeln stehen in scharfem Kontrast zum Rest des Textes. Allerdings zeigt sich hier die Gartenkenntnis des Autors, denn die Astern, die er am Beginn blühen lässt, sind mit den spätesten Blumen, die im Garten ihre Blütenkrone öffnen. Sie gelten damit als Vorboten des Herbstes. Der Kenner kann also die blühenden Astern mühelos mit den Verfallsvokabeln, die folgen in Verbindung bringen. Damit grenzt der Autor seinen Leserkreis ein.

Die Metaphern, die er im Folgenden setzt sind jedoch deutlich unspezifischer gehalten. „Schwächer trifft der Sonnenpfeil“ etwa, transformiert den Strahl der Sonne zu einem Pfeil, der auf der Erdoberfläche einschlägt. Diese virulente Gewalt der Sonne wird im Herbst jedoch abgeschwächt.

Die Metaphorik des dunklen und der Angst prägt einige weitere Wendungen des Textes. „Frostes Henkerbeil“, „den Tod erwarten“, „dunkelt“ und „Blätter Zittern“, „Winterflucht“, „Herbstes Trauer“ weisen weniger in eine Natur, die positiv konnotiert ist, denn in eine gefahrvolle und gewalttätige Welt. Dort gibt es zwar auch Positives, diese Glanzpunkte setzt er in der letzten Strophe mit „Pfirsich an der Gartenmauer“ und den beiden letzten Worten des Gedichts „reife Frucht“, aber dennoch schafft er im Vorgang das Bild einer Herbststimmung, die unterschwellig gewalttägig, verderbend und tötend ist.

Das Besondere an diesem Gedicht ist, dass diese gefahrvolle Umgebung eine morbide Ästhetik verströmt. Es ist ein schöner, sterbender Herbst, auf den dieses Gedicht zielt. Damit steht die Herbststimmung für eine Weltsicht. Eine schöne bunte Welt, die im Verderben begriffen ist, stellt sich hier dem Leser vor Augen.

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