Redeanalyse schreiben – Aufbau, Gliederung und Beispiel

Redeanalyse schreiben – Aufbau, Gliederung & Beispiel

Aktualisiert: Oktober 2026 · Fach: Deutsch

Kurz erklärt

  • In einer Redeanalyse untersuchst du, was ein Redner sagt, wie er es sagt und mit welcher Absicht und Wirkung.
  • Aufbau: Einleitung (Redner, Titel, Anlass, Ort, Datum, Publikum, Thema, Absicht) – Hauptteil (Inhalt und Aufbau, Argumentation, Sprache, ggf. Vortrag) – Schluss (Ergebnis, Bewertung der Wirkung).
  • Wichtig ist die Redesituation: Wer spricht zu wem, wann, wo, aus welchem Anlass?
  • Jedes Stilmittel nennst du mit Beleg (Zeile) und Wirkung auf das Publikum.
  • Schreibe im Präsens; Aussagen des Redners gibst du in indirekter Rede im Konjunktiv wieder.

Ob politische Rede, Festrede oder historische Ansprache: Eine Redeanalyse folgt immer demselben Grundmuster. Wenn du die Redesituation sauber erfasst und Sprache und Argumentation auf die Redeabsicht beziehst, hast du das Wichtigste geschafft. Hier bekommst du Gliederung, Werkzeuge, Formulierungshilfen und Musterabschnitte.

Was macht eine Rede besonders?

Eine Rede ist für das Hören geschrieben. Deshalb arbeitet sie stärker als ein Zeitungstext mit Wiederholungen, kurzen Sätzen, direkter Anrede und Gefühl. Zudem hat sie eine konkrete Situation: einen Anlass, einen Ort und ein Publikum, das reagiert. Unterschieden werden grob politische Reden (überzeugen, mobilisieren), Gelegenheitsreden (Hochzeit, Abschluss, Trauerfeier) und Fachvorträge (informieren).

EinleitungRedner · Titel · Datum · Ort · Anlass · Publikum · Medium · Thema · AbsichtInhalt, AufbauSinnabschnitteKernaussagenHaupttheseArgumentationArgumenttypenBelege, LückenLogos, Ethos, PathosSpracheStilmittelWortwahl, SatzbauAnrede, PronomenVortragStimme, TempoGestik, Mimik(nur bei Video)Hauptteil – immer auf die Redeabsicht beziehenSchluss: Ergebnis bündeln · Wirkung bewerten · historische Bedeutung
Infografik: Gliederung einer Redeanalyse

1. Einleitung

Die Einleitung stellt die Redesituation vor: Redner, Titel (falls vorhanden), Datum, Ort, Anlass, Publikum und Medium (live, Radio, Fernsehen, Internet). Dazu kommen Thema und eine erste Einschätzung der Redeabsicht. Bei historischen Reden ordnest du den Kontext in zwei bis drei Sätzen ein.

2. Hauptteil

Inhalt und Aufbau

Gliedere die Rede in Sinnabschnitte und begründe die Einteilung (Themenwechsel, neue Anrede, Wendung wie „Doch …“). Gib den Inhalt jedes Abschnitts knapp in indirekter Rede wieder: Der Redner betont, die Lage sei ernst. Halte die Hauptthese ausdrücklich fest. Klassische Reden folgen oft dem Muster Einstieg mit Publikumsgewinnung (Captatio Benevolentiae) – Darstellung der Lage – Argumentation – Appell.

Argumentation

Bestimme These, Argumente und Belege. Welche Argumenttypen nutzt der Redner (Fakten, Autoritäten, Beispiele, Normen, Analogien)? Fehlen Belege, wird mit Angst oder Feindbildern gearbeitet? Hilfreich sind die drei Überzeugungsmittel nach Aristoteles:

Mittel Worauf es zielt Erkennungszeichen
Logos Verstand Zahlen, Fakten, Begründungen, Schlussfolgerungen
Ethos Glaubwürdigkeit des Redners Hinweis auf Erfahrung, Amt, Werte, eigene Betroffenheit
Pathos Gefühl Bilder, Schicksale, Ausrufe, Steigerungen, Angst oder Hoffnung

Sprache

Mittel Beispiel typische Wirkung in Reden
Anapher „Wir wollen … Wir wollen …“ Rhythmus, Einprägsamkeit, Steigerung
Trikolon „Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit“ wirkt vollständig und kraftvoll
rhetorische Frage „Wollen wir das wirklich hinnehmen?“ Publikum wird gedanklich zur gewünschten Antwort gelenkt
Antithese „nicht reden, sondern handeln“ Gegensatz macht Position klar
Metapher „Brücken bauen“ Veranschaulichung, emotionale Färbung
Wir-Form, direkte Anrede „liebe Freunde“, „wir alle“ Gemeinschaft, Nähe, Vereinnahmung
Hyperbel „die größte Herausforderung aller Zeiten“ Dramatisierung, Dringlichkeit
Schlagwörter, Hochwertwörter „Freiheit“, „Zukunft“ positive Gefühle ohne konkreten Inhalt

Mehr Stilmittel findest du in der Liste rhetorischer Stilmittel. Achte auch auf Satzbau (kurze Hauptsätze sind leicht zu hören, siehe Parataxe) und Sprachebene.

Vortrag

Liegt ein Video vor, untersuchst du zusätzlich Stimme, Tempo, Pausen, Lautstärke, Blickkontakt, Gestik und die Reaktionen des Publikums. Passt die Körpersprache zum Gesagten?

3. Schluss

Fasse zusammen, mit welchen Mitteln der Redner seine Absicht verfolgt, und bewerte begründet, ob und warum die Rede wirkt. Bei historischen Reden gehört die Einordnung dazu: Was folgte auf die Rede? Wie ist sie aus heutiger Sicht zu beurteilen?

Schritt für Schritt

  1. Rede zweimal lesen; Redesituation notieren.
  2. Sinnabschnitte bilden und mit Überschriften versehen.
  3. Hauptthese und Redeabsicht in je einem Satz festhalten.
  4. Stilmittel markieren, Wirkung am Rand notieren.
  5. Argumente und Überzeugungsmittel bestimmen.
  6. Entscheiden: linear (Abschnitt für Abschnitt) oder aspektorientiert (Inhalt, Argumentation, Sprache) schreiben.
  7. Schluss mit begründeter Bewertung.

Musterabschnitte am Beispiel der Sportpalastrede

Als Übungsbeispiel dient oft die Rede von Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast vom 18. Februar 1943. Sie ist ein Lehrbeispiel für Propaganda und muss deshalb kritisch eingeordnet werden.

Beispiel: EinleitungDie Rede des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels vom 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast, bekannt als „Sportpalastrede“, wurde vor einem ausgewählten Publikum aus Parteimitgliedern gehalten und im Rundfunk übertragen. Wenige Wochen nach der Niederlage der Wehrmacht in Stalingrad soll sie die Bevölkerung auf den „totalen Krieg“ einschwören, also auf die vollständige Ausrichtung von Arbeit und Alltag auf den Krieg. Im Folgenden wird untersucht, mit welchen sprachlichen und rhetorischen Mitteln Goebbels Zustimmung erzeugt und Kritik unmöglich machen will.
Beispiel: Hauptteil (Auszug)Den Höhepunkt der Rede bildet eine Reihe von zehn Fragen an das Publikum, darunter die bekannte Frage „Wollt ihr den totalen Krieg?“. Formal handelt es sich um Suggestivfragen, die nur eine Antwort zulassen. Da das Publikum aus ausgewählten Anhängern bestand, war das laute „Ja“ der Menge vorhersehbar. Über das Radio sollte so der Eindruck entstehen, das ganze Volk stimme zu. Goebbels nutzt damit die Wir-Form und die Masse als Scheinbeweis: Nicht Argumente, sondern der inszenierte Jubel soll überzeugen. Zugleich baut er mit Begriffen wie „Bolschewismus“ ein bedrohliches Feindbild auf, das Angst erzeugt und radikale Maßnahmen rechtfertigen soll.
Beispiel: SchlussDie Rede zeigt exemplarisch, wie Propaganda funktioniert: Feindbilder und Angst ersetzen sachliche Begründungen, Suggestivfragen und Massenjubel ersetzen Zustimmung. Ihre Wirkung beruhte auf Inszenierung, nicht auf Überzeugungskraft der Argumente. Aus heutiger Sicht ist sie ein Dokument der Verantwortungslosigkeit des NS-Regimes, das die Bevölkerung in einen längst aussichtslosen Krieg trieb.

Formulierungshilfen

  • „Der Redner wendet sich an …, um sie davon zu überzeugen, dass …“
  • „Mit der Anapher ‚…‘ (Z. …) verstärkt er …“
  • „Durch die rhetorische Frage (Z. …) lenkt er die Zuhörer auf die Antwort …“
  • „Er beruft sich auf …, um seine Glaubwürdigkeit zu stärken (Ethos).“
  • „Insgesamt setzt die Rede stärker auf Gefühl als auf Argumente, was sich daran zeigt, dass …“
Typische Fehler: Stilmittel nur auflisten; Redesituation vergessen; die Sprache des Redners übernehmen (bei Propagandareden Begriffe in Anführungszeichen setzen und erklären); eigene Meinung zum Thema statt Bewertung der Rede.
In welcher Zeitform schreibe ich die Redeanalyse?
Im Präsens. Historische Hintergründe (z. B. „1943 hatte die Wehrmacht …“) darfst du in der Vergangenheit erzählen. Aussagen des Redners gibst du in indirekter Rede mit Konjunktiv wieder.
Linear oder aspektorientiert?
Bei kurzen Reden ist linear (Abschnitt für Abschnitt) übersichtlich. Bei langen Reden ist aspektorientiert (Argumentation, Sprache, Vortrag) oft besser. Beides ist richtig, wenn du Inhalt, Mittel und Wirkung verbindest.
Wie viele Stilmittel brauche ich?
Lieber fünf bis acht gut erklärte als zwanzig bloß genannte. Wähle die, die für die Redeabsicht wichtig sind.
Was ist der Unterschied zur Sachtextanalyse?
Die Grundlage ist ähnlich, aber bei der Rede spielen Situation, Publikum und Vortrag eine größere Rolle.

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