
- „Die Tochter“ ist eine Kurzgeschichte des Schweizer Autors Peter Bichsel aus dem Band „Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen“ (1964).
- Inhalt: Ein Ehepaar wartet jeden Abend auf seine Tochter Monika, die in der Stadt im Büro arbeitet. Seitdem wird erst um halb acht statt um halb sieben gegessen.
- Die Eltern wissen kaum etwas über Monikas Leben und stellen es sich nur vor. Gespräche finden fast nicht statt.
- Thema: Sprachlosigkeit und Entfremdung in der Familie, das Erwachsenwerden des Kindes und die Leere der Eltern.
- Typisch: einfache Sprache, Wiederholungen, kein Höhepunkt, offener Schluss.
Bichsels „Die Tochter“ gehört zu den meistgelesenen Kurzgeschichten im Deutschunterricht, weil sie mit wenigen Worten ein großes Thema zeigt: Menschen leben zusammen und erreichen sich trotzdem nicht. Hier findest du eine Inhaltsangabe, eine Analyse von Aufbau, Erzähler und Sprache, die wichtigsten Deutungsansätze und eine Muster-Interpretation zum Orientieren. Den Text selbst findest du in deinem Lesebuch oder im genannten Erzählband.
Inhalt in eigenen Worten
Abends warten die Eltern auf ihre Tochter Monika. Früher aß die Familie um halb sieben, seit Monika in der Stadt arbeitet und mit dem Zug nach Hause kommt, wird das Abendessen um eine Stunde verschoben. Diese Stunde verbringen Vater und Mutter am gedeckten Tisch, mit Monikas leerem Platz vor Augen.
Während sie warten, stellen sich die Eltern vor, wie Monika ihren Tag verbringt: im Büro an der Rechenmaschine, beim Mittagessen in einem Tearoom, beim Einkaufen, mit Freundinnen, vielleicht mit einem jungen Mann. Sie denken an Monikas Zimmer mit dem Plattenspieler und an Dinge, die sie von ihr wissen. Die Mutter findet, Monika sehe ihrer Tante ähnlich, der Vater denkt an seinen eigenen Arbeitstag. Die Eltern ahnen, dass Monika bald ausziehen und sich ein Zimmer in der Stadt nehmen wird. Als die Mutter Monika einmal bittet, etwas auf Französisch zu sagen, weiß die Tochter nichts zu sagen. Die Eltern sprechen nur wenige, belanglose Sätze miteinander. Die Geschichte endet, ohne dass Monika ankommt.
Merkmale der Kurzgeschichte
- Unvermittelter Einstieg: Die Geschichte beginnt mitten im Alltag, ohne Vorstellung der Figuren.
- Alltagssituation: ein ganz gewöhnliches Warten auf das Abendessen
- Wenige, typisierte Figuren: Vater und Mutter haben keine Namen, nur die Tochter heißt Monika.
- Kurze erzählte Zeit: etwa eine Stunde am Abend, mit Rückblicken und Vorstellungen
- Offener Schluss: Monika kommt im Text nicht an, nichts wird gelöst.
- Einfache Sprache: kurze, parataktische Sätze, viele Wiederholungen
Aufbau
Die Geschichte hat keine klassische Spannungskurve. Es gibt keinen Höhepunkt und keine Wende. Das ist kein Mangel, sondern Absicht: Die Gleichförmigkeit des Textes spiegelt die Gleichförmigkeit des Wartens. Der Text springt von einer Vorstellung zur nächsten, vom Aussehen der Tochter zum Plattenspieler, von der Rechenmaschine zum Tearoom. Zusammengehalten wird alles nur durch die Tochter, um die sich alle Gedanken drehen.
Erzähler und Sprache
Erzählt wird von einem Er-Erzähler, der weitgehend sachlich und von außen berichtet. Er gibt aber auch wieder, was die Eltern denken und sich vorstellen. Genau das ist wichtig: Fast alles, was wir über Monika erfahren, sind Vermutungen der Eltern. Viele Sätze klingen wie „sie wird wohl“, „vielleicht“, „sie stellten sich vor“. Die Tochter selbst kommt nicht zu Wort. Mehr zu den Begriffen findest du bei den erzählerischen Mitteln.
| Beobachtung | Beispiel | Wirkung |
|---|---|---|
| Parataxe, einfache Sätze | kurze Hauptsätze, oft mit „und“ verbunden | wirkt monoton wie der Alltag der Eltern |
| Wiederholungen | Warten, halb acht, Monikas Platz | Die Wiederholung zeigt das Ritual und die Leere. |
| Vermutungen statt Wissen | Die Eltern stellen sich Monikas Tag vor. | Sie kennen ihr eigenes Kind nicht mehr. |
| Belanglose Dialoge | Die Eltern bestätigen sich nur gegenseitig. | Sprechen ersetzt kein echtes Gespräch. |
| Fremdes Französisch | Bitte, etwas auf Französisch zu sagen | Die Eltern wünschen sich Nähe, finden aber keine gemeinsame Sprache. |
Symbole und Motive
- Monikas leerer Platz: Die Tochter ist abwesend, auch wenn sie zu Hause ist. Der Platz zeigt die Lücke, die bald dauerhaft wird.
- Die Uhrzeit: Halb acht statt halb sieben. Die Tochter bestimmt den Tagesablauf, das Leben der Eltern dreht sich um sie.
- Stadt und Büro: stehen für die moderne, unbekannte Welt der Tochter.
- Plattenspieler und Mode: Zeichen einer Jugendkultur, zu der die Eltern keinen Zugang haben.
- Französisch: eine Sprache, die die Eltern nicht verstehen. Sie zeigt, wie fremd die Tochter geworden ist.
Deutungsansätze
Die Geschichte zeigt eine Familie, in der niemand böse ist und trotzdem alle einsam sind. Die Eltern haben ihr Leben ganz auf die Tochter ausgerichtet. Jetzt, wo Monika erwachsen wird, fehlt ihnen ein eigener Inhalt. Untereinander haben sie sich wenig zu sagen. Monika wiederum erzählt kaum etwas von sich, vielleicht aus Gleichgültigkeit, vielleicht, weil sie spürt, dass ihre Welt die Eltern überfordert.
Man kann die Geschichte daher auf drei Ebenen lesen: als Geschichte über Sprachlosigkeit (Kommunikation misslingt), über Ablösung (das Kind wird erwachsen) und über die Leere des Alltags (Rituale ersetzen Beziehungen). Bichsel bewertet nicht, er zeigt nur. Die Deutung bleibt dem Leser überlassen.
- Notiere beim Lesen alles, was die Eltern wirklich wissen, und alles, was sie nur vermuten.
- Markiere die wörtliche Rede und prüfe, ob darin etwas Wichtiges gesagt wird.
- Achte auf Wiederholungen und auf die Uhrzeiten.
- Formuliere eine Deutungshypothese, zum Beispiel: „Die Geschichte zeigt die Entfremdung zwischen Eltern und erwachsen werdender Tochter.“
- Belege jede Aussage mit einer Textstelle (mit Zeilenangabe).







