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„Sachliche Romanze“ – Beispiel Gedichtanalyse/Interpretation

Sachliche Romanze" - Beispiel Gedichtanalyse

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Cafe am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen

Das Gedicht „Sachliche Romanze“ von Erich Kästner wurde im Jahre 1928 veröffentlicht. Es handelt von der Beziehung eines Paares, deren Gefühle füreinander nach einigen Jahren weniger geworden sind.

Zeitliche Einordnung

Das Gedicht „Sachliche Romanze“ ist in die Epoche der Neuen Sachlichkeit einzuordnen.
Die Neue Sachlichkeit war eine literarische Strömung zur Zeit der Weimarer Republik und prägte sämtliche Werke im Zeitraum von 1919 bis 1929. Die Literatur in dieser Zeit diente der Information und Aufklärung.

Es entstanden vorwiegend Reportagen, epische Theaterstücke und Gebrauchslyrik. Beim Verfassen der Werke wurde viel Wert auf eine einfache, sachliche und vor allem präzise Sprache gelegt. Zentrales Merkmal sind distanzierte und neutral verfasste Beschreibungen, die gänzlich ohne Ausschmückungen oder blumige Formulierungen auskommen. Mit diesem Schreibstil sollten den Menschen Missstände ohne Verschönerungen aufgezeigt werden, da sich das Volk historisch gesehen in schwierigen Zeiten zwischen zwei Weltkriegen wiederfand. So fließen in die Texte die allgemeinen Sorgen des Alltags hinein.

Inhaltsangabe

Die erste Strophe des Gedichts „Sachliche Romanze“ versetzt den Leser ohne Umschweife in die Handlung. Das Gedicht erzählt die Geschichte von einem Paar, das seit acht Jahren zusammen ist und dessen Liebe abhandengekommen ist.

In der zweiten Strophe wird erzählt, dass beide traurig sind, aber so tun, als wenn nichts sei und versuchen, sich voreinander und vor der Welt nichts anmerken zu lassen. Trotzdem kommen sie irgendwann an den Punkt, an dem sie beide nicht weiterwissen. Es macht sich Rat- und Hoffnungslosigkeit breit. Während sie weint, steht er nur daneben und tröstet sie nicht.
In der dritten Strophe fällt der Blick nach außen. Von ihrem Fenster aus kann man Schiffe sehen. Er macht eine beiläufige Bemerkung, dass es bereits Viertel nach vier sei und Zeit sei, Kaffee trinken zu gehen. Ein Nachbar spielt Klavier.

Das Paar sucht sich in der vierten Strophe ein Café. Sie verbringen die Zeit dort, ohne miteinander zu sprechen, den Blick starr auf die Tasse gerichtet. Das Paar verbleibt einige Stunden im Café. Als alle Gäste gegangen sind, sitzen sie noch immer schweigend vor ihren Tassen. Das Gedicht endet mit den Worten, dass sie es einfach nicht fassen können.

Aufbau

Das Gedicht ist sachlich und nüchtern verfasst. Es werden keinerlei Gefühl beschrieben. Es besteht aus vier Strophen, wovon die ersten drei Strophen jeweils vier Verse und die letzte Strophe fünf Verse besitzt. Es liegt ein Kreuzreim (abab) vor. Einzige Ausnahme bildet die vierte Strophe. Hier wurde der Kreuzreim durchbrochen und es entsteht ein Reim im Sinne von abaab.

Die Unregelmäßigkeit hinsichtlich des Reims und der Versanzahl zeigt sich auch im formalen Aufbau. In keinem Vers liegt die Betonung auf der ersten Silbe, sodass ein Jambus oder ein Anapäst als Metrum vorliegt. Die Silbenzahl der Verse liegt zwischen neun und elf Silben. Aufgrund der Unregelmäßigkeit auch in den Hebungen und Betonung ändert sich das Lesetempo je nach Vers. Das verwendete Metrum erzeugt ein rasch voranschreitendes Lesetempo. Männliche und weibliche Kadenzen wechseln sich ab und führen zu einem Stocken des Leseflusses.

Im zusätzlichen Vers der letzten Strophe liegt die Betonung am Ende des Verses auf der vorletzten Silbe. Für gewöhnlich wird die Betonung auf die letzte Silbe gelegt, um einen Abschluss des Gedichtes zu erhalten. Erich Kästner bedient sich hier dieser formalen Eigenart, um das Gedicht ohne Ende und bewusst offenzulassen. Obwohl „Sachliche Romanze“ zur Epoche der Sachlichkeit gehört, liegt hier ein Widerspruch. Kein anderes Werk aus dieser Epoche endet so wie das Gedicht von Erich Kästner, sondern immer mit der Betonung auf der letzten Silbe.

Sprache

Bereits der Titel „Sachliche Romanze“ enthält ein eindrucksvolles Stilmittel. Hier verwendet Erich Kästner ein Oxymoron, also die Verbindung zweier Begriffe, die sich gegenseitig ausschließen, denn eine Romanze wird von Gefühlen und Leidenschaft gelenkt. Sie ist erfüllt von Liebe und von emotionsgeladenen Handlungen. Dies steht im absoluten Gegensatz zum Begriff der Sachlichkeit. Allerdings steht das verwendete Oxymoron für die Beziehung des Paares aus dem Gedicht. Ihre Romanze ist längst erkaltet und zur Sachlichkeit verkommen.

Das Paar wird im Gedicht nicht mit Namen angesprochen. Sie bleiben stattdessen anonym und erhalten eine unpersönliche Ansprache mit „sie“ oder „er“. Damit erhält das Gedicht einen allgemeingültigen Charakter und ist nicht auf eine bestimmte Person zugeschnitten.

Erich Kästner schreibt, dass die Liebe der beiden abhandengekommen ist und vergleicht die Situation mit anderen, denen ein Hut oder ein Stock verloren gegangen ist. Die Verwendung der Bezeichnung Abhandenkommen und des subtilen Vergleichs verdeutlicht eine Form von Sachlichkeit, die in einer Beziehung nicht herrschen sollte. Erich Kästner beschreibt die Beziehung so, als hätte das Paar nur einen unbedeutenden Gegenstand verloren.

Der zweite Vers in der ersten Strophe ist der einzige Vers, der in Klammern geschrieben wurde. Darin schreibt Erich Kästner eine zusätzlich Information und verdeutlicht, dass sich das Paar gut kennt. Vermutlich wollte er damit ausdrücken, dass es sich um keine lose Bekanntschaft handelt, sondern dass das Paar bereits einige markante Dinge miteinander durchgemacht hat.

Im Gedicht wird sehr häufig das Wort „und“ benutzt. Dieses Wort stellt im allgemeinen Sprachgebrauch für gewöhnlich eine Verbindung dar. In diesem Gedicht führt es allerdings dazu, dass beide Personen auf Distanz bleiben. Verschiedene Handlungen, ob von ihm oder ihr, werden durch das Wort „und“ miteinander verbunden. Doch ist es eher so, als ob das Wort sie beide voneinander trennt.

In Vers 8 steht, dass sie plötzlich weint. Der Satz wird mit einem Punkt beendet und der nächste beginnt ungewöhnlicherweise mit dem Wort „und“. Im Gedicht ist geschrieben, dass er dabei steht. Der Mann steht lediglich dabei, so als wäre er eine außenstehende Person, ein objektiver Dritter. An dieser Stelle wird die emotionale Distanz zwischen beiden durch eine physische Distanz noch einmal verdeutlicht.
In der vierten Strophe heißt es, dass sie das kleinste Café aufsuchen.

Es stellt sich die Frage, warum hier ausgerechnet der Superlativ verwendet wird. Kleine Cafés am Rande einer Stadt versprühen für gewöhnlich eine ganz eigene Wohlfühlatmosphäre und stehen für Romantik. Erich Kästner schreibt vom kleinsten Café, also einen besonders romantischen Ort trauter Zweisamkeit und dennoch sitzt das Paar wie versteinert. Selbst wenn sie ganz allein sind, haben sie sich nichts mehr zu sagen. Das Ende ihrer Beziehung ist besiegelt.

Interpretation

Das Gedicht „Sachliche Romanze“ beschreibt eine zerbrochene Liebe und ein Paar kurz vor der Trennung. Es ist weder freudig noch traurig geschrieben. Der Schreibstil ist völlig neutral und sachlich. Das wiederum macht die Geschichte in dem Gedicht noch trauriger. Die Beziehung ist so kaputt und eingeschlafen, dass nicht einmal mehr Platz für Gefühle jeglicher Art ist. Nicht einmal negative Gefühle wie Trauer oder Wut sind vorhanden.

Die Unregelmäßigkeit des formalen Aufbaus zieht die komplette Aufmerksamkeit auf sich und verdeutlicht die innere Zerrissenheit des Paares. Auf der einen Seite versuchen sie ihre Lage schön zu reden und anderen das glückliche Paar vorzuspielen und auf der anderen Seite wissen beide nicht weiter.
In Strophe drei wird deutlich, dass die beiden mit ihrer Situation allein sind. Die anderen Menschen um sie herum führen ihr Leben unbekümmert und unberührt von dem Schicksal des Paares weiter. Der Verweis darauf, dass man den Schiffen winken könnte, könnte auch auf Fernweh oder eine tief verwurzelte Sehnsucht auszubrechen hinweisen.

Besonderes Augenmerk liegt auf den letzten Vers 17. Dort steht, dass beide es einfach nicht fassen können. Es stellt sich die Frage, ob damit die Entscheidung zur Trennung gemeint ist oder ob sie nun endlich erkennen, was schief gelaufen ist. Während in den anderen Strophen immer eine gewisse Ablenkung durch andere Menschen oder Situationen herrschte, verdeutlicht die Szene im Café, was passiert, wenn die Illusion nicht mehr aufrecht erhalten wird. Wenn das Paar allein ist, müssen sie nicht mehr so tun, als wäre alles in Ordnung, denn das ist es ganz und gar nicht.

Ihre Beziehung ist nicht nur eingeschlafen, sondern gänzlich zerrüttet. Sie schweigen sich an, haben sich nicht mehr zu sagen. Während sie sich sonst in Ablenkungen flüchten können, sind sie jetzt miteinander allein. Sie müssen niemanden etwas vormachen und verfallen in melancholische Stimmung. Es tritt Resignation ein. Der letzte Vers des Gedichts bekommt mit dem Ausdruck, dass sie es nicht fassen können, zum ersten Mal so etwas wie eine Emotion verliehen. Wenn man etwas nicht fassen kann, ist man außer sich. Es tritt vielleicht eine Art Schockstarre ein. Genau dies ist auch mit dem Paar aus dem Gedicht passiert. Solange sie abgelenkt waren, konnten sie nach außen hin ihre Fassade aufrechterhalten. Allein in dem Café wird ihnen erstmals bewusst, dass sich hinter der bröckelnden Fassade nichts mehr befindet außer Erinnerungsbruchstücke an ihre gemeinsame Vergangenheit.

Schlussteil

Der sachliche und distanzierte Schreibstil des Gedichts „Sachliche Romanze“ lässt den Leser sich besser auf die Situation einstimmen und die Handlung erkennen. Obwohl keinerlei Gefühle oder großartige Emotionen beschrieben sind, kann der Leser gut nachempfinden, wie sich das Paar in ihrer verzwickten Situation fühlen muss. Dadurch, dass das Paar völlig anonym bleibt, lässt sich das Gedicht auf viele verschiedene Personen übertragen. Es bekommt eine Gültigkeit für eine breite Masse an Menschen, denn eine solche Situation kann jedem Paar widerfahren. Auch das zentrale Thema der Vergänglichkeit der Liebe ist allgemeingültig und unabhängig von der Zeitepoche oder der Herkunft.

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