
- Die Enumeratio (lateinisch „Aufzählung“) ist ein Stilmittel, bei dem mehrere Wörter oder Wortgruppen aneinandergereiht werden.
- Beispiel: „Habe nun, ach! Philosophie, / Juristerei und Medizin, / Und leider auch Theologie …“ (Goethe, Faust).
- Sie kann mit „und“ (Syndeton), ohne Bindewörter (Asyndeton) oder mit vielen „und“ (Polysyndeton) gebildet werden.
- Wirkung: Fülle, Vollständigkeit, Nachdruck, manchmal Überforderung oder Hektik.
- Verwandt: Akkumulation (Aufzählung zu einem Oberbegriff) und Klimax (steigernde Aufzählung).
Aufzählungen sind so alltäglich, dass man sie in Texten leicht übersieht. Als Stilmittel sind sie aber oft sehr bewusst eingesetzt: Ein Redner zählt Erfolge auf, ein Dichter reiht Schrecken des Krieges aneinander. Hier lernst du, woran du die Enumeratio erkennst und wie du ihre Wirkung beschreibst.
Definition: Was ist eine Enumeratio?
Bei der Enumeratio werden mindestens drei Begriffe, Satzteile oder Sätze nacheinander aufgezählt, die zu einem Thema gehören. Das Wort kommt vom lateinischen enumerare, „aufzählen“. Die aufgezählten Glieder sind gleichrangig, sie stehen also nebeneinander wie Perlen auf einer Kette.
- „Im Rucksack waren Brot, Käse, Äpfel und eine Flasche Wasser.“
- „Der Morgen war grau, kalt, nass und windig.“
- „Er rannte, sprang, stolperte und fiel.“
Die drei Formen der Enumeratio
Wie die Glieder verbunden sind, verändert die Wirkung stark:
| Form | Merkmal | Beispiel | Typische Wirkung |
|---|---|---|---|
| Syndeton | Bindewort (meist „und“) vor dem letzten Glied | „Vater, Mutter und Kind“ | geordnet, abgeschlossen |
| Asyndeton | keine Bindewörter | „Vater, Mutter, Kind“ | knapp, schnell, offen – als ginge es weiter |
| Polysyndeton | Bindewort zwischen allen Gliedern | „Vater und Mutter und Kind“ | verlangsamt, eindringlich, Fülle |
Beispiele aus der Literatur
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Deutung: Faust zählt alle vier Fakultäten der damaligen Universität auf. Die Enumeratio zeigt, dass er wirklich alles Wissen seiner Zeit studiert hat. Umso stärker wirkt seine Enttäuschung, dass er trotzdem „so klug als wie zuvor“ ist.
Die Türme stehn in Glut, die Kirch ist umgekehret,
Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun …
Deutung: Gryphius reiht in kurzen Satzgliedern Bild an Bild: Türme, Kirche, Rathaus, Menschen. Die Enumeratio erzeugt den Eindruck, dass der Dreißigjährige Krieg nichts verschont hat. Der Leser wird von der Fülle des Schreckens regelrecht überwältigt. Mehr dazu in der Gedichtanalyse zu „Tränen des Vaterlandes“.
„Wir haben neue Schulen gebaut, Radwege angelegt, Spielplätze erneuert und die Bücherei modernisiert.“
Deutung: Die Aufzählung lässt die Leistungen umfangreich und beeindruckend erscheinen. Das soll die Zuhörer von der Arbeit des Redners überzeugen.
Welche Wirkung hat eine Enumeratio?
- Fülle und Vollständigkeit: Der Eindruck entsteht, dass alles Wichtige genannt ist.
- Nachdruck: Durch die Menge wird eine Aussage verstärkt.
- Anschaulichkeit: Statt eines allgemeinen Wortes entsteht ein buntes, konkretes Bild.
- Tempo: Kurze Glieder ohne Bindewörter beschleunigen, viele „und“ verlangsamen.
- Überforderung oder Chaos: Sehr lange Reihen können zeigen, dass eine Figur von Eindrücken überwältigt wird.
Enumeratio, Akkumulation und Klimax – der Unterschied
Diese Stilmittel sind eng verwandt. Schulbücher grenzen sie nicht ganz einheitlich ab; die folgende Unterscheidung ist am weitesten verbreitet:
| Stilmittel | Besonderheit | Beispiel |
|---|---|---|
| Enumeratio | allgemeine Aufzählung, das Thema kann genannt sein | „Zum Frühstück gab es Brot, Butter, Honig und Tee.“ |
| Akkumulation | Unterbegriffe stehen für einen nicht genannten Oberbegriff | „Feld, Wald und Wiesen“ (statt „die Natur“) |
| Klimax | Aufzählung mit Steigerung | „Heute Rom, morgen Italien, übermorgen die ganze Welt!“ |
| Antiklimax | Aufzählung mit absteigender Reihe | „vom König zum Grafen zum Diener“ |
| Trikolon | genau drei gleich gebaute Glieder | „Ich kam, ich sah, ich siegte.“ |
Enumeratio in der Analyse – Schritt für Schritt
- Markiere die Aufzählung und zähle die Glieder.
- Bestimme die Form: mit „und“, ohne Bindewort oder mit vielen „und“?
- Prüfe, ob es eine Steigerung (Klimax) oder einen gemeinsamen Oberbegriff (Akkumulation) gibt.
- Zitiere die Stelle mit Zeilenangabe.
- Erkläre die Wirkung im Zusammenhang: Was soll die Fülle zeigen?
„Durch die asyndetische Enumeratio ‚Türme, Kirche, Rathaus‘ (V. 5 f.) wird deutlich, dass der Krieg alle Bereiche des Lebens zerstört hat. Die fehlenden Bindewörter verstärken den Eindruck von Hast und Ausweglosigkeit.“
Weitere Stilmittel mit Beispielen und Wirkung findest du in der Liste der rhetorischen Stilmittel.








