
- Eine Synästhesie verbindet Eindrücke aus zwei verschiedenen Sinnen in einem Ausdruck: „schreiende Farben“ (Hören + Sehen), „süße Töne“ (Schmecken + Hören).
- Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Mitempfinden“ oder „zugleich wahrnehmen“.
- Wirkung: Die Wahrnehmung wird intensiver und sinnlicher, Stimmungen werden „mit allen Sinnen“ spürbar.
- Typisch für die Lyrik der Romantik (Brentano, Eichendorff) und des Symbolismus.
Kann man Töne sehen oder Farben hören? In der Wirklichkeit nicht – in der Sprache schon. Wer von einer „warmen Stimme“ oder einem „knalligen Rot“ spricht, benutzt bereits eine Synästhesie. Hier lernst du, wie du dieses Stilmittel erkennst und seine Wirkung in einer Analyse beschreibst.
Definition: Was ist eine Synästhesie?
Bei einer Synästhesie wird etwas, das mit einem Sinn wahrgenommen wird, mit einem Wort aus einem anderen Sinnesbereich beschrieben. Unsere fünf Sinne sind Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen (Tasten, auch Wärme und Kälte). Eine Stimme hört man – nennt man sie „samtig“, kommt das Fühlen dazu.
Die Synästhesie ist eine besondere Form der Metapher: Ein Wort wird aus seinem Bereich in einen anderen übertragen – hier eben von einem Sinn auf einen anderen.
Beispiele aus dem Alltag
Viele Synästhesien benutzen wir täglich, ohne es zu merken:
| Ausdruck | Eigentlicher Sinn | Übertragener Sinn |
|---|---|---|
| eine samtige Stimme | Hören | Fühlen |
| ein scharfer Ton | Hören | Fühlen / Schmecken |
| knallrot, schreiend bunt | Sehen | Hören |
| kalte Farben, warmes Licht | Sehen | Fühlen |
| ein süßer Duft | Riechen | Schmecken |
| ein bitteres Lachen | Hören | Schmecken |
| helle Töne, dunkle Stimme | Hören | Sehen |
Beispiele aus der Literatur
Golden wehn die Töne nieder,
Stille, stille, laß uns lauschen!
…
Durch die Nacht, die mich umfangen,
Blickt zu mir der Töne Licht.
Deutung: Die Musik wird nicht nur gehört, sondern als goldenes, leuchtendes Licht gesehen. Die Töne „wehen“ sogar wie ein Lufthauch und „blicken“ wie eine Person. So verschmelzen Hören, Sehen und Fühlen: Das lyrische Ich erlebt die Musik als ganzheitliches, fast überirdisches Erlebnis, das die dunkle Nacht erhellt.
Wie süß der Nachtwind nun die Wiese streift,
Und klingend jetzt den jungen Hain durchläuft!
Deutung: Der Wind wird gefühlt, hier aber als „süß“ (Schmecken) und „klingend“ (Hören) beschrieben. Zusammen mit der Personifikation („durchläuft“) wirkt die nächtliche Natur lebendig, zart und verzaubert.
Solche Verse findest du besonders oft in der Romantik. Wie du romantische Gedichte untersuchst, erklärt die Anleitung Romantik-Gedichte analysieren.
Welche Wirkung hat eine Synästhesie?
- Intensivierung: Ein Eindruck wird stärker, weil er mit mehreren Sinnen erlebt wird.
- Stimmung und Atmosphäre: Der Leser kann sich eine Situation lebhafter vorstellen und mitfühlen.
- Einheit der Welt: Gerade in der Romantik drückt sie die Sehnsucht aus, dass alles miteinander verbunden ist – Natur, Musik, Gefühl.
- Fremdheit und Überraschung: Ungewöhnliche Verbindungen („grüne Stille“) irritieren, machen neugierig und regen zum Nachdenken an.
- Wertung: „Schreiende Farben“ oder „ein kaltes Lächeln“ enthalten zugleich ein Urteil.
Synästhesie in der Analyse – Schritt für Schritt
- Finde Ausdrücke, die „nicht ganz passen“: Klingt etwas, das man eigentlich sieht? Schmeckt etwas, das man hört?
- Bestimme die beiden beteiligten Sinne.
- Zitiere die Stelle mit Vers- oder Zeilenangabe.
- Erkläre, was dadurch an dieser Stelle besonders deutlich wird (Stimmung, Gefühl des lyrischen Ichs, Bewertung).
- Verbinde die Wirkung mit deiner Deutungshypothese zum ganzen Gedicht.
„Durch die Synästhesie ‚der Töne Licht‘ (V. 8) werden Hören und Sehen miteinander verbunden. Die Musik erscheint dadurch als Licht in der Dunkelheit, was die tröstende, fast erlösende Wirkung zeigt, die sie auf das lyrische Ich hat.“








