
- Die Repetitio (lat. repetere = wiederholen, oft falsch „Repititio“ geschrieben) ist die Wiederholung eines Wortes oder einer Wortgruppe.
- Sie ist zugleich ein Oberbegriff: Je nach Stelle der Wiederholung heißt sie Geminatio, Anapher, Epipher, Anadiplose, Kyklos oder Symploke.
- Typische Wirkung: Betonung, Eindringlichkeit, Gefühlsstärke, Rhythmus und Einprägsamkeit.
- In der Analyse nennst du immer die genaue Form, wenn sie passt, und erklärst die Wirkung im Zusammenhang.
Wiederholungen begegnen dir überall: in Gedichten, Reden, Werbung und Liedern. Was im Aufsatz als Stilfehler gilt, ist in der Literatur oft ein bewusst eingesetztes Mittel. Hier erfährst du, welche Formen der Repetitio es gibt, wie du sie auseinanderhältst und wie du ihre Wirkung in einer Analyse beschreibst.
Definition
Eine Repetitio liegt vor, wenn ein Wort, eine Wortgruppe oder ein ganzer Satz in einem Text auffällig mehrfach vorkommt. Im engeren Sinn meint man damit die einfache Wiederholung, im weiteren Sinn ist Repetitio der Sammelbegriff für alle Wiederholungsfiguren. Entscheidend ist, dass die Wiederholung gewollt ist und eine Funktion hat.
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15,34)
Die direkt wiederholte Anrede macht die Verzweiflung hörbar. Weil die Wörter unmittelbar hintereinanderstehen, spricht man genauer von einer Geminatio.
Die wichtigsten Formen der Wiederholung
Am leichtesten unterscheidest du die Formen nach der Frage: An welcher Stelle steht das wiederholte Wort?
| Form | Was wird wiederholt? | Beispiel |
|---|---|---|
| Geminatio | ein Wort oder eine Wortgruppe direkt hintereinander | „Mein Gott, mein Gott …“ |
| Anapher | dasselbe Wort am Anfang aufeinanderfolgender Sätze oder Verse | „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.“ (Schiller) |
| Epipher | dasselbe Wort am Ende aufeinanderfolgender Sätze oder Verse | „Ihr überrascht mich nicht, erschreckt mich nicht.“ (Schiller, „Maria Stuart“) |
| Anadiplose | das letzte Wort eines Satzes ist das erste des nächsten | „Ich hörte ein Geräusch. Ein Geräusch, das ich kannte.“ |
| Kyklos | Anfang und Ende eines Satzes oder Verses sind gleich | „Entbehren sollst du! sollst entbehren!“ (Goethe, „Faust I“) |
| Symploke | Kombination aus Anapher und Epipher | „Wer hat es gewusst? Wir. Wer hat geschwiegen? Wir.“ |
| Polyptoton | dasselbe Wort in verschiedenen Formen | „Der Mensch ist des Menschen Feind.“ |
| Figura etymologica | Wörter mit demselben Stamm | „einen schweren Kampf kämpfen“ |
Daneben gibt es Wiederholungen, die nicht ein Wort, sondern etwas anderes wiederholen: den Satzbau (Parallelismus), den Anlaut (Alliteration), die Endsilbe (Homoioteleuton) oder den Inhalt mit anderen Wörtern (Pleonasmus wie „weißer Schimmel“, Tautologie wie „nie und nimmer“).
Welche Wirkung hat eine Repetitio?
Die Wirkung hängt immer vom Zusammenhang ab. Diese Funktionen kommen besonders häufig vor:
| Wirkung | Erklärung | Typischer Einsatz |
|---|---|---|
| Betonung | Das wiederholte Wort rückt in den Mittelpunkt. | Rede, Kommentar |
| Eindringlichkeit, Gefühl | Verzweiflung, Angst, Freude oder Wut werden spürbar. | Gedicht, Drama, Klage |
| Einprägsamkeit | Was mehrfach kommt, bleibt im Gedächtnis. | Werbung, Slogans, Reden |
| Rhythmus und Klang | Wiederholungen erzeugen einen gleichmäßigen Takt. | Lyrik, Lieder |
| Steigerung | Mit jeder Wiederholung wächst die Spannung. | Höhepunkt einer Rede |
| Struktur | Wiederholte Satzanfänge gliedern den Text. | Aufzählungen, Strophenanfänge |
| Monotonie | Gleichförmigkeit, Ausweglosigkeit oder Langeweile werden spürbar. | moderne Lyrik, Kurzgeschichte |
Beispiele aus Literatur und Alltag
In Goethes „Erlkönig“ ruft das Kind dreimal „Mein Vater, mein Vater“. Die Geminatio, die sich in jeder Strophe des Kindes wiederholt, macht die steigende Angst hörbar. Jeder neue Ruf klingt verzweifelter, weil der Vater nicht hilft.
„Wir schaffen Platz. Wir schaffen Chancen. Wir schaffen Zukunft.“ Die Anapher „Wir schaffen“ wirkt wie ein Versprechen, das bei jeder Wiederholung kräftiger wird. Zugleich bindet das „Wir“ die Zuhörer ein.
„Nein, nein und nochmals nein!“ Die Wiederholung zeigt eine entschiedene Ablehnung. Ein einzelnes „Nein“ wäre deutlich schwächer.
So analysierst du eine Repetitio
- Finden: Markiere Wörter, die mehrfach vorkommen, besonders an Satz- und Versanfängen oder -enden.
- Bestimmen: Prüfe die Stelle der Wiederholung und benenne die Form (Geminatio, Anapher, Epipher …).
- Zitieren: Gib die Stelle mit Vers- oder Zeilenangabe an.
- Wirkung erklären: Was wird betont? Welches Gefühl oder welche Aussage wird verstärkt?
- Deutung verknüpfen: Zeige, wie die Wiederholung zur Gesamtaussage des Textes passt.
„Die Geminatio ‚Mein Vater, mein Vater‘ (V. 13) unterstreicht die wachsende Panik des Kindes. Durch die eindringliche, fast flehende Wiederholung wird deutlich, wie dringend es Schutz sucht, während der Vater die Gefahr weiterhin verharmlost.“








