They/them – gibt es im Deutschen geschlechtsneutrale Pronomen?

gibt es im Deutschen geschlechtsneutrale Pronomen

Aktualisiert: Oktober 2026 · Fach: Sprachen

Kurz erklärt

  • Im Englischen ist singular they („they/them“) ein etabliertes geschlechtsneutrales Pronomen für eine Person – es wird seit Jahrhunderten benutzt und steht in allen großen Wörterbüchern.
  • Im Deutschen gibt es kein allgemein anerkanntes geschlechtsneutrales Personalpronomen. Das Duden-Regelwerk kennt nur er, sie, es.
  • Es gibt Vorschläge (Neopronomen) wie dey, xier, en oder sier. Sie werden vor allem von nichtbinären Menschen und in ihrem Umfeld genutzt.
  • Im Alltag hilft oft der einfachste Weg: den Namen wiederholen oder Sätze ohne Pronomen bauen – und die Person fragen, was sie sich wünscht.

Auf Social Media liest du oft Angaben wie „she/her“, „he/him“ oder „they/them“. Damit zeigen Menschen, mit welchen Pronomen sie bezeichnet werden möchten. „They/them“ benutzen häufig nichtbinäre Menschen, also Personen, die sich weder ausschließlich als Mann noch als Frau verstehen. Doch wie sagt man das auf Deutsch? Hier erfährst du, wie die beiden Sprachen funktionieren, welche Lösungen es gibt und wo die Grenzen liegen.

Was bedeutet they/them im Englischen?

They heißt normalerweise „sie“ (Plural). Es kann aber auch für eine einzelne Person stehen, deren Geschlecht unbekannt oder unwichtig ist – oder die sich selbst so bezeichnet. Das nennt man singular they.

Beispiel

Someone left their bag in the classroom. I hope they come back for it.
(Jemand hat seine/ihre Tasche im Klassenzimmer vergessen. Hoffentlich kommt die Person zurück.)

This is Alex. They are in my class. I like them a lot.
(Das ist Alex. Alex ist in meiner Klasse. Ich mag Alex sehr.)

Wichtig für die Grammatik: Auch beim singular they steht das Verb im Plural (they are, nicht „they is“). Das Reflexivpronomen lautet meist themselves, manche benutzen themself. Die Formen sind: they – them – their – theirs – themselves.

Gut zu wissen: Singular they ist keine neue Erfindung. Es findet sich schon bei Shakespeare und Jane Austen. Neu ist nur, dass es gezielt für nichtbinäre Personen verwendet wird. Das Wörterbuch Merriam-Webster wählte „they“ 2019 zum Wort des Jahres.

Warum ist es im Deutschen schwieriger?

Im Englischen trägt fast nur das Pronomen ein Geschlecht. Im Deutschen dagegen steckt das grammatische Geschlecht (Genus) in vielen Wörtern gleichzeitig: im Artikel, im Pronomen, in Adjektiven und oft im Nomen selbst.

Englisch: 1 Stelle mit GeschlechtMynewteacherisnice.Shehelpsus.Neutral möglich: „They help us.“ – nur ein Wort wird ausgetauscht.Deutsch: 3 Stellen mit GeschlechtMeineneueLehrerinistnett.Siehilftuns.Artikel, Nomen und Pronomen müssen zusammenpassen. Ein neues Pronomen alleinlöst das Problem nicht – auch für „meine/mein“ und „Lehrerin/Lehrer“ braucht es eine Lösung.
Infografik: Im Deutschen ist das Geschlecht an mehreren Stellen im Satz eingebaut, im Englischen meist nur im Pronomen.

Außerdem ist das neutrale deutsche Pronomen es für Menschen problematisch. Bei „das Mädchen – es“ ist es grammatisch korrekt, aber eine erwachsene Person mit „es“ zu bezeichnen, empfinden die meisten als abwertend, weil es nach einer Sache klingt. Deshalb ist „es“ keine gute Übersetzung für they.

Welche Lösungen gibt es im Deutschen?

1. Den Namen benutzen

Die einfachste und von vielen nichtbinären Menschen genannte Lösung: statt eines Pronomens den Namen wiederholen.

BeispielAlex kommt heute später, weil Alex noch beim Arzt ist. Ich habe Alex die Hausaufgaben mitgebracht.

2. Sätze umformulieren

Viele Sätze lassen sich ganz ohne Pronomen bauen: „Die Person aus der 9b“, „Wer das Referat hält, …“, „Alex’ Tasche“ statt „seine/ihre Tasche“.

3. Neopronomen

Neopronomen sind neu gebildete Pronomen. Sie stehen nicht im amtlichen Regelwerk, werden aber in manchen Gruppen, Medien und Schulen benutzt. Es gibt viele Vorschläge, kein einziger hat sich allgemein durchgesetzt.

Neopronomen Herkunft / Idee Beispielsatz
dey (dem) angelehnt an englisch they/them Kim kommt mit, dey hat Zeit.
xier Mischform aus sie und er mit x Xier liest gerade ein Buch.
sier Zusammenziehung von sie und er Sier wohnt in Köln.
en abgeleitet von „Mensch“ (letzte Buchstaben), angelehnt an schwedisch „hen“ En spielt Gitarre.
kein Pronomen nur der Name Kim sagt, Kim kommt später.

Für einige dieser Pronomen gibt es Deklinationsvorschläge, etwa für dey: Nominativ dey, Genitiv deren, Dativ dem, Akkusativ dey („Ich sehe dey.“, „Ich gebe dem das Buch.“). Die Formen sind jedoch nicht festgelegt und werden unterschiedlich benutzt.

Achtung in Schule und Klassenarbeit: Neopronomen gelten nach dem amtlichen Regelwerk nicht als Standardsprache. In Aufsätzen und Klausuren ist es sicherer, mit dem Namen oder mit Umformulierungen zu arbeiten. Wie deine Schule mit dem Thema umgeht, kann dir deine Lehrkraft sagen.

Wie gehe ich im Alltag respektvoll damit um?

  1. Hören, was die Person sagt: Viele geben ihre Pronomen an (z. B. in der Vorstellungsrunde oder im Profil). Nutze dann diese Form.
  2. Unsicher? Kurz und unaufgeregt fragen: „Wie möchtest du genannt werden?“ – das ist höflich und kein Drama.
  3. Im Zweifel den Namen benutzen: Damit liegst du fast nie falsch.
  4. Fehler passieren: Wenn du dich vertust, korrigiere dich kurz und mach weiter, ohne lange Entschuldigungen.

Und wie ist die rechtliche Lage in Deutschland?

Sprache und Recht sind zwei verschiedene Dinge. Rechtlich gibt es in Deutschland seit Ende 2018 neben „weiblich“ und „männlich“ den Geschlechtseintrag „divers“, außerdem kann der Eintrag offen bleiben. Seit November 2024 regelt das Selbstbestimmungsgesetz, dass Erwachsene ihren Geschlechtseintrag beim Standesamt per Erklärung ändern lassen können. Ein offizielles neutrales Pronomen folgt daraus aber nicht – die Sprache regelt kein Gesetz.

Warum ist das Thema umstritten?

Die Diskussion ist sachlich gesehen eine Frage von Sprachwandel. Befürworter sagen: Sprache soll alle Menschen sichtbar machen und niemanden falsch bezeichnen. Kritiker wenden ein, dass neue Pronomen die Grammatik verkomplizieren, schwer zu lernen sind und sich nicht „von oben“ einführen lassen. Sprachwissenschaftlich gilt: Ob sich eine neue Form durchsetzt, entscheidet am Ende der tatsächliche Sprachgebrauch. Mehr zu verschiedenen Ebenen von Sprache findest du im Artikel Welche Sprachebenen gibt es?.

Häufige Fragen

Kann ich „they“ einfach mit „sie“ übersetzen?
Grammatisch ja, aber „sie“ (Singular) wird im Deutschen als weiblich verstanden und „sie“ (Plural) als mehrere Personen. Für eine nichtbinäre Person ist das meist nicht passend. Besser: Name oder das Pronomen, das die Person selbst nutzt.
Heißt es „they is“ oder „they are“?
„They are“ – auch beim singular they. Genauso: „they were“, „they have“.
Steht „dey“ im Duden?
Neopronomen sind nicht Teil des amtlichen Regelwerks für die deutsche Rechtschreibung. Der Duden informiert in Ratgebern über die Diskussion, als Standard gelten sie nicht.
Gibt es in anderen Sprachen neutrale Pronomen?
Ja. Schwedisch hat seit 2015 offiziell „hen“ im Wörterbuch der Schwedischen Akademie. Finnisch und Türkisch unterscheiden bei Personalpronomen grundsätzlich kein Geschlecht („hän“, „o“).
Was bedeutet „nichtbinär“?
Nichtbinär (englisch non-binary) beschreibt Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht ausschließlich männlich oder weiblich ist. „Binär“ bedeutet „zweiteilig“.

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