
- Aporie (griech. aporía = Ausweglosigkeit, Ratlosigkeit) bezeichnet eine Lage, in der man keinen Weg zur Lösung findet, weil sich gute Gründe widersprechen.
- Als Stilmittel äußert ein Sprecher seine (echte oder gespielte) Ratlosigkeit: „Was soll ich nur tun?“
- In der Philosophie ist die Aporie ein unlösbar scheinendes Problem, etwa bei Sokrates oder in Zenons Paradoxien.
- Wirkung: Sie zeigt Verzweiflung, Zerrissenheit oder regt den Zuhörer an, selbst nachzudenken.
Kennst du das Gefühl, vor einer Entscheidung zu stehen, bei der jede Möglichkeit falsch erscheint? Genau diese Ausweglosigkeit nennt man Aporie. Der Begriff begegnet dir im Deutschunterricht als rhetorisches Stilmittel, in Philosophie und Ethik als Fachbegriff für ein unlösbar scheinendes Problem. Hier lernst du beide Bedeutungen, erkennst typische Beispiele und erfährst, wie du die Aporie in einer Analyse beschreibst.
Wortherkunft und Definition
Das griechische Wort aporía setzt sich aus a- (nicht, ohne) und póros (Durchgang, Weg) zusammen. Wörtlich heißt es also „Weglosigkeit“. Gemeint ist eine Situation, in der man nicht weiterkommt, weil:
- sich zwei gleich gute Gründe widersprechen,
- jede mögliche Antwort zu einem neuen Problem führt oder
- man schlicht nicht weiß, wie man anfangen oder sich entscheiden soll.
Die Aporie als rhetorisches Stilmittel
In der Rhetorik und Literatur ist die Aporie eine Figur, mit der ein Sprecher seine Ratlosigkeit ausdrückt. Oft geschieht das in Form von Fragen an sich selbst oder an die Zuhörer. Die Ratlosigkeit kann echt sein, etwa bei einer verzweifelten Figur im Drama, oder gespielt, etwa wenn ein Redner so tut, als wisse er nicht, wo er anfangen soll („Wo soll ich nur beginnen, all das Unrecht aufzuzählen?“).
„Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“
Hamlet wägt ab, ob es edler sei, das Leid des Lebens zu ertragen oder ihm ein Ende zu setzen. Beide Wege erscheinen ihm unerträglich: Das Leben bringt Schmerz, der Tod eine unbekannte Ungewissheit. Seine Ratlosigkeit macht die innere Zerrissenheit der Figur sichtbar.
„Da steh ich nun, ich armer Tor! / Und bin so klug als wie zuvor“
Faust hat alle Wissenschaften studiert und muss erkennen, dass er nichts Wesentliches weiß. Der Monolog zeigt seine Ausweglosigkeit und führt dazu, dass er sich der Magie zuwendet.
„Sage ich meiner besten Freundin die Wahrheit, ist sie verletzt. Schweige ich, belüge ich sie. Was soll ich bloß machen?“
Beide Möglichkeiten widersprechen einem Wert, der der Sprecherin wichtig ist: Ehrlichkeit und Rücksicht.
Die Aporie in der Philosophie
Sokrates führte seine Gesprächspartner in den von Platon überlieferten Dialogen oft bewusst in eine Aporie. Er stellte so lange Fragen, bis sie merkten, dass ihr vermeintliches Wissen widersprüchlich war. Am Ende stand keine fertige Antwort, sondern die Einsicht in das eigene Nichtwissen, die als Anfang echten Nachdenkens galt. Mehr dazu im Artikel „Ich weiß, dass ich nichts weiß“.
Aristoteles sah in Aporien dagegen eine Aufgabe: Man sammelt die widersprüchlichen Gründe und versucht, den Knoten zu lösen.
Berühmt sind die Paradoxien des Zenon von Elea. Im Paradox von Achilles und der Schildkröte gibt der schnelle Achilles der Schildkröte einen Vorsprung. Jedes Mal, wenn er den Punkt erreicht, an dem sie eben war, ist sie schon ein Stück weiter. Daraus scheint zu folgen, dass er sie nie einholen kann, obwohl jeder weiß, dass er es in Wirklichkeit tut. Der Widerspruch zwischen Logik und Erfahrung ist die Aporie. Mathematisch wurde er erst viel später mit dem Begriff der unendlichen Reihe aufgelöst.
Abgrenzung zu ähnlichen Stilmitteln
| Stilmittel | Kennzeichen | Beispiel |
|---|---|---|
| Aporie | Ratlosigkeit, kein Ausweg erkennbar | „Was soll ich nur tun?“ |
| Dubitatio | gespielter Zweifel, oft wie man etwas sagen soll | „Soll ich es Mut nennen oder Leichtsinn?“ |
| Rhetorische Frage | Antwort ist eigentlich klar | „Wer will schon verlieren?“ |
| Paradoxon | scheinbarer Widerspruch in einer Aussage | „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ |
| Dilemma | Zwangslage zwischen zwei schlechten Möglichkeiten | Wahrheit sagen oder Freundschaft schonen |
Welche Wirkung hat die Aporie?
- Innere Zerrissenheit zeigen: Figuren wirken menschlich, weil sie zweifeln und ringen.
- Spannung erzeugen: Der Leser will wissen, wie sich die Figur entscheidet.
- Zum Nachdenken anregen: Bleibt die Frage offen, muss das Publikum selbst eine Antwort suchen. Brecht beendet „Der gute Mensch von Sezuan“ bewusst mit einem Epilog, der „alle Fragen offen“ lässt.
- Sympathie gewinnen: Ein Redner, der Ratlosigkeit zugibt, wirkt ehrlich und nahbar.
- Dramatik steigern: Gespielte Ratlosigkeit („Wo soll ich anfangen?“) kann das Ausmaß eines Problems betonen.
So analysierst du eine Aporie
- Stelle finden: Fragen an sich selbst, Ausdrücke wie „Ich weiß nicht …“, „Was soll ich tun?“, abgebrochene Sätze.
- Widerspruch benennen: Zwischen welchen Möglichkeiten oder Werten schwankt der Sprecher?
- Echt oder gespielt? Ist die Ratlosigkeit ernst gemeint oder ein rhetorischer Kniff?
- Wirkung beschreiben: Was erfährt der Leser über die Figur oder die Absicht des Redners?
- In die Deutung einordnen: Wie passt die Aporie zur Handlung oder zur Gesamtaussage?
„In seinem Monolog gerät Faust in eine Aporie: Obwohl er ‚Philosophie, / Juristerei und Medizin‘ und Theologie studiert hat, muss er feststellen, dass er ‚so klug als wie zuvor‘ ist (V. 358 f.). Seine Ratlosigkeit zeigt den Widerspruch zwischen seinem grenzenlosen Erkenntnisdrang und den Grenzen menschlichen Wissens. Diese Ausweglosigkeit treibt ihn schließlich zur Magie und später zum Pakt mit Mephisto.“








